Ähnliches mag sich Ingo Metzmacher, der Generalmusikdirektor der Hamburger Staatsoper, gedacht haben, als er Gregor Gysi einlud, am Tag der Deutschen Einheit in der Musikhalle über Schillers "Ode an die Freude" zu sprechen, Vertonung: Ludwig van Beethoven. Und denn jib's die Neunte! Aber erst einmal jib's Ärjer.

Die Einladung liegt zwar lange zurück, ist auch schon des längeren öffentlich bekannt - aber nun, wo alles eh zu spät ist, hagelt es Forderungen nach einer Absage, die man jetzt sowieso niemandem mehr zumuten kann. Also wird es am 3. Oktober Pfiffe, Absagen, Buhs, Beifall und so weiter und so fort hageln. Wieso soll man nicht einen nationalen Gedenktag auch einmal als Rummel abhalten? Die Neunte jedenfalls wird's überleben - und Gysi, das Stehaufmännchen der Windungen und Wendungen, auch.

Das eine ist die rein politische Bewertung: Wirkt es wirklich sehr überzeugend, einen Sprecher der Rechtsnachfolgerin der SED, die Teilung und Mauerbau als Mittel ihrer Herrschaft brauchte, zum Gedenktag der Einheit als Redner einzuladen? Und muss man sich das Freiheits- und Freudenpathos der Schillerschen Ode ("Alle Menschen werden Brüder...") von einem Politiker erläutern lassen, dessen Vorgänger samt einiger seiner heutigen Mitstreiter immer wieder und immer noch vom Klassenkampf schwadronieren, in dem eben gerade nicht alle Menschen Brüder werden sollen. (Was übrigens die real existierenden Sozialisten nie davon abgehalten hat, die "Neunte" - wie anderswo auch - an jedem Sylvester als eine Art verspätetes Ersatz-Weihnachtsoratorium anzusetzen.)

Nein, der eigentliche Punkt liegt woanders: Kann man heute eigentlich nur noch Anklang finden, wenn man schrill und schräg das möglichst Absonderliche und Provokante tut, selbst wenn es zu Lasten der Sache und ihrer Glaubwürdigkeit geht? Einen Hingucker braucht man, Querdenker sucht man - wo man doch endlich einmal einen Geradeausdenker bräuchte. Hätte man zum Beispiel Richard Schröder nach Hamburg eingeladen, so hätte man ebenfalls einen Ostdeutschen als Redner gewonnen, aber einen, der viel mehr zu sagen gehabt hätte, und glaubwürdiger gewesen wäre. Aber wo wäre dann, bitte, der Eklat geblieben?

Und so wird aus dem überreizten Bedürfnis unserer Unterhaltungsgesellschaft, Auffälliges um seiner selbst willen auf Teufel komm raus herauszukitzeln, die fade Routine der Provokation. Gysi hier, Gysi dort, Gysi als Atheist auf die Kanzel, Gysi als Postkommunist zum Niedergang des Kommunismus - Gysi als Dauerkracher unserer Spaßgesellschaft. Na, denn: Viel Spaß! Selten so jelacht.

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