Ein gutes Jahrhundert lang war die Fußballwelt für die Engländer also in Ordnung. Sie wurden weithin als Lehrmeister akzeptiert, gegen den Deutschland stets den Kürzeren zog. 1938 zum Beispiel siegten sie im Berliner Olympiastadion mit 6 : 3, in Anwesenheit Adolf Hitlers, den auch die englische Elf mit dem Hitler-Gruß beehrte (eine Episode, an die man sich auf der Insel nicht gerne erinnert). Sogar im Dezember 1954, Deutschland war immerhin gerade Weltmeister geworden, gab es den gewohnten Sieg: 3 : 1 in Wembley.

Seit 1966 aber sollte ihnen nichts mehr gelingen. Bei Welt- wie Europameisterschaften stellten ihnen vor allem die Deutschen immer wieder ein Bein. Und sei es nur deshalb, weil deutsche Nationaltrainer bei allen sonstigen Mängeln genug Grips besaßen, ihre Spieler vorher Elfmeter üben zu lassen. In England hat man erst jetzt, unter dem Management des feinsinnig-intellektuellen Schweden Sven Goran Eriksson, eine solch profane Übung ins Trainingsprogramm aufgenommen. Der Schwede versteht sich darüber hinaus auf psychologische Kriegsführung und erzählt Anekdoten über das übersteigerte Selbstbewusstsein der Deutschen herum: dass der DFB bei der Terminplanung den Gruppensieg und damit den Erfolg über England am Samstag in München bereits einkalkuliert hat - "typisch deutsche Arroganz".

Die Anhänger von "Ingerland", wie sie ihr Land gerne nennen, reagieren auf so was sensibel. Schließlich leiden sie schon seit vielen Jahren unter der notorischen Erfolglosigkeit ihres Teams. Das verleitet leicht zu übersteigerten Erwartungen. Vereinzelte Lichtblicke, etwa Flankengott David Beckham oder das quecksilbrige Stürmertalent Michael Owen, werden voreilig als Boten einer Fußballrenaissance gedeutet, umso herber dann die Enttäuschung. Im vergangenen Jahr führte die 0 : 1-Niederlage gegen Deutschland im WM-Qualifikationsspiel zum abrupten Abgang von Kevin Keegan; im Job des Teamchefs war er zunächst als Retter begrüßt worden.

Die lange Zeit des Darbens kompensieren die englischen Fans auf andere Weise, zum Beispiel durch das Absingen unflätiger Lieder. Am Samstag wird im Olympiastadion ganz sicher wieder der Slogan Two world wars and one World Cup herausgeschmettert, denn einer Erfolgsbilanz, in der Kriege und Fußballschlachten aufs innigste verschmelzen, kann Deutschland nun mal nichts Gleichwertiges entgegensetzen.

Vor einem Jahr, beim Hinspiel in London, wurden die englischen Fans noch deutlicher. Sie erhoben sich von den Sitzen, wandten sich in Richtung der Tribüne, auf der die deutschen Anhänger saßen, und skandierten: "Stand up, who won the war." Was der deutsche Zuschauerblock mit einem Blitzlichtfeuer beantwortete. Schließlich bekommt man nicht alle Tage Tausende junger Männer vor die Linse, die ihre Arme zum Hitler-Gruß hochrecken.

Die Engländer kommen: Immer gut für Biergärten und Glasereien

Übers Web haben diverse englische Gruppierungen seit Monaten schon zum Kampf, zur Invasion Münchens, aufgerufen. Trotzdem hoffen Fußballverbände, Polizei und offizielle Fan-Clubs, dass es am Samstag friedlich bleiben wird. Obwohl viel auf dem Spiel steht. (Den Engländern wird nicht einmal ein Unentschieden reichen; sie müssen siegen, um sich die Chance auf den Gruppensieg und damit auf die direkte Qualifikation für die WM 2002 zu erhalten.) Wie immer kooperiert die Polizei beider Länder eng miteinander, tauscht Daten aus über Rädelsführer, oftmals mit rechtsextremen Hintergrund, versucht die Pläne der Hooligans zu vereiteln und droht potenziellen Gewalttätern mit hartem Durchgreifen. Die englische Polizei kassierte die Pässe von rund 500 gerichtsnotorischen Fußballrüpeln. Sogar den offiziellen Fan-Club der Nationalmannschaft löste Englands Fußballverband auf. Einziger Zweck: Wer Englands Team begleiten und Eintrittskarten kaufen will, braucht einen neuen Ausweis mit Lichtbild. Alle Antragsteller werden überprüft, Vorbestrafte ausgemustert. Das führte zunächst zu einem dramatischen Mitgliederschwund, von 26 000 auf 10 000. Doch beruhigend ist das nur auf den ersten Blick. Zwar gingen für München Eintrittskarten an 6500 "durchleuchtete" englische Fans. Doch mindestens noch einmal die gleiche Zahl wird in der bayerischen Metropole auftauchen. Dank Internet und Schwarzmarkt konnten sich viele von ihnen Tickets besorgen und werden das Spiel oft in "deutschen" Abschnitten des Stadions erleben. Die Übriggebliebenen werden sich den Vorzügen der bayerischen Gastronomie hingeben, Münchens Biergärten erfreuen sich auf der Insel eines legendären Rufes. Und Alkohol ist nach wie vor unangefochten die Droge Nummer eins, obwohl Kokain, Speed und Crack, zumal bei Liebhabern körperlicher Auseinandersetzung, auch gerne genommen werden. Eine Prognose sei gewagt: Nicht nur das Bier wird in Strömen fließen.