Jürgen Dahl gehört zu den beneidenswerten Zeitgenossen, die, weil ihnen todernst zumute ist, bitterer Witzigkeit fähig sind, boshaften Spottes, und das mit einer so faszinierenden Sprachmächtigkeit - und Sprachschönheit -, dass man ihm bis zur letzten Zeile folgt. Dabei beginnt sein jüngstes Buch mit Endzeitgedanken und hört auf mit der Versicherung, niemand brauche sich seiner Angst vor dem nächsten Tschernobyl zu schämen. Trostlose Lektüre? Sagen wir, keine tröstliche, wohl aber eine aufrüttelnde, sehr spannende Lektüre, weil man immerzu mit haarsträubenden, absurden, erregenden Beobachtungen und Überlegungen bekannt gemacht wird. Und manches, weiß man, wird man wiederlesen.

Denn Jürgen Dahl, Jahrgang 1929, ist nicht nur ein Weltbewunderer und ein provozierender, mit Vergeblichkeitsgefühlen behafteter Weltverbesserer, sondern eben auch ein engagierter Schriftsteller von erheblichem journalistischen Temperament. Und so sind die hier versammelten gut zwei Dutzend Aufsätze, Artikel, Glossen allesamt auch schon einmal gesendet oder (wie in der ZEIT) gedruckt worden.

Ihr Thema sind wir und die Erde, auf der wir leben und mit der wir zurechtkommen müssen; gemeint ist hauptsächlich der in den Industrieländern lebende Mensch, der alles tut, an ihr reich zu werden, sie auszubeuten, zu vergiften, zu entstellen und zu verbrauchen - sogar noch bei seinen treuherzigen Anstrengungen, ebendies zu vermeiden oder zu korrigieren. Was Wunder also, dass die facettenreichen Darstellungen Dahls nicht einfach nur kritisch oder polternd böse sind, sondern mal polemisch, mal spöttisch und ironisch, oft sehr sarkastisch.

Wie denn aber auch anders, wenn er zu den "Aporien des sogenannten Umweltschutzes" die Aufforderung zählt, zum Blumengießen nicht frisches, sondern Eierwasser zu nehmen, während bei der Herstellung allein eines Autos bedenkenlos 400 000 Liter Wasser vergeudet werden. Oder wenn er daran erinnert, dass kein Rezyklisierungstrick je verhindern könne, "daß die steigende Produktion mehr und mehr von der Welt unbrauchbar macht auf alle Zeiten" und "das große Fressen" eines Tages "mit leeren Tellern" enden werde. Oder wenn er erzählt, dass die "Kleinfeuerungsanlagen-Verordnung" das Anzünden von Kaminen "nur bei besonderen Anlässen" erlaube, um die Aufheizung der Erdatmosphäre nicht zu verstärken - während alle jauchzen, wenn der Silvesterhimmel leuchtend, knallend, zischend in Brand gesteckt wird und auf der Autobahn jeder rasen darf, wie er will. Und welche Täuschung mit der Energie sparenden Lampe, weil schon, um sie herzustellen "ein Vielfaches an Material und Energie" gebraucht werde.

Jürgen Dahl, auf dem Lindenhof bei Kleve zu Hause (aus dessen buntem, weitläufigem Garten er in einer Kolumne oft für die ZEIT-Leser berichtet hat), denkt noch über vieles andere nach: über Mobiltelefon und Faxgerät, deren Macht wir uns unterwerfen; über die Eile, die uns nur noch mehr Zeit koste, und den Abschied von der Schreibmaschine, über die Unzucht mit der Tierzucht oder die perverse Lust, Mordwaffen zu Sportgeräten zu machen, über Katalogdichter, Schraubenschlüssel, Särge und Bestatter und Wörter-Kopulative wie Fräsmaschinenschnellwechselpalettiersystem, über Düfte, über die Eiche, das Atomzeitalter und das Recht des Menschen auf seinen Tod. Man stutzt, staunt oft, geht in sich und lacht mal laut, mal stumm - und ziemlich oft das "bittere Lachen im grünen Bereich".

Jürgen Dahl:Bitteres Lachen im grünen Bereich. Essays und Glossen eines Skeptikers; Die Graue Edition, Reutlingen 2001; 316 S., 34,- DM