Dienstagnachmittag würde nicht so passen. Da habe er einen "unverrückbaren Termin". Die Beerdigung seiner Mutter. Aber am Vormittag sei es bestens. "Kommen Sie zum Frühstück?"

In den Garten von Ludwig A. Minelli*, Generalsekretär der Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas, scheint eine warme Sonne. Der Rechtsanwalt lebt auf der Forch, Zürcher Oberland. Ein herrlicher, ein nicht ganz billiger Flecken. Man wohnt nah am städtischen Klienten, aber es ist ländlich genug, um sich frühmorgens gepflegter Gartenflora zu erfreuen: fleischige Kamelien, eine Rarität nördlich der Alpen. Auf dem Tisch duftet knuspriges Brot, der Käse dehnt sich in der warmen Luft. Und fleuchendes Getier umschnüffelt den frisch gepressten Orangensaft.

In diesem Rahmen ist das Thema Tod von einer gewissen Leichtigkeit. Minelli, exzellenter und gut gelaunter Gastgeber, erfreut den Besucher mit einer Erfolgsgeschichte. Der Verein Dignitas - Menschenwürdig leben - Menschenwürdig sterben ist gerade schuldenfrei geworden. Dank einer "größeren Beitragsleistung eines Ehepaars". Gern teilt man diese Freude und möchte am liebsten dazu gratulieren, dass die Kundschaft der Organisation, die seit drei Jahren Freitodhilfe anbietet, wächst. 14 Beihilfen zum Selbstmord in den ersten beiden Jahren zusammen, 15 allein im dritten Jahr.

Nicht nur Schweizer schätzen die Dienstleistungen von Dignitas. Insbesondere den Deutschen ist die Organisation eine wichtige Adresse geworden, bleibt ihnen doch der Service im eigenen Land aus juristischen Gründen versagt. Die Mitwirkung an Selbsttötungen, und sei es nur durch Ausstellen eines Rezepts für ein Medikament, gilt unter deutschen Medizinern als unethisch. Und so sind bisher elf Deutsche zum Sterben zu Dignitas ins südliche Nachbarland gereist. Minelli rattert schnell ein paar Fälle herunter, die keinen Zweifel zulassen, dass hier Gutes getan wurde: eine 61-Jährige mit schwerem Unterleibskrebs, ein 52-Jähriger, der an einer Schrumpfung des Kleinhirns litt, ein 58-jähriger Kehlkopfkrebs-Patient, eine 79-Jährige, die an Gehirnentzündung und Parkinson erkrankt war.

"Kaffee oder Tee?", fragt Minelli. Er habe 40 Sorten Tee. Ein Gast habe ihn mal einen "Teeologen" genannt. Und zum ersten Mal an diesem Morgen nutzt Minelli die Gelegenheit, den eigenen Witz zu belachen. Es ist ein schnelles Lachen. Es kommt schneller als das seines Gegenübers. Die Ergänzung klingt genauso routiniert platziert wie jeder Kernsatz Minellis zu den eigenen Leitbildern: "Teeologie ist die einzige Theologie, die ich akzeptiere." Das Lachen verlässt fast geräuschlos den aufgesperrten Mund, es klingt wie das Fauchen eines Schwans, in dessen Territorium ein Tretboot eingedrungen ist. Und wo er gerade beim Religiösen ist: "Im Übrigen ist mir egal, nach welchem Irrtum einer selig werden will."

Der Gast hört fast pausenlos zu. Minellis Kernsätze, die Würze seiner rhetorischen Trommelfeuer, haben den umtriebigen Anwalt im Eidgenossenland berühmt und berüchtigt gemacht. Als Journalist bei der Tat, für die Boulevardzeitung Blick und als Schweizer Spiegel-Korrespondent von 1964 bis 1974 zog er stets kräftig vom Leder. Genauso als Talkshow-Gast oder Radioautor, wobei er es stets glänzend verstand, sämtliche Register von Bosheit, Häme und Ironie zu ziehen. Mal bezichtigte Minelli Parlament und Bundesrat eines "kollektiven Schurkenstreichs". Mal bezeichnete er Politiker als "altbackene Penisträger" oder "aufgeblasene Provinznullen", die "vom Biersaufen und vom Führen eines Jauchewagens" mehr verstünden als von Staatsführung. Den Papst schimpfte er einen "polnischen Druiden", und als Ghostwriter für den kürzlich verstorbenen Grossisten Karl Schweri (Denner AG) wetterte er zum Thema Fleischpreise über die "Schweine-Politiker" und "Schweine-Bürokraten" und bezeichnete das Schweizer Agrarsystem als "total korrupt".

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