Die Sterne stehen offenbar nicht günstig für Frankreichs Soziologen. Noch haben sie sich kaum erholt von dem Streich des Physikers Alan Sokal, der 1996 einer soziologischen Fachzeitschrift einen ebenso hochgestochen klingenden wie abstrusen Artikel unterjubelte. Da verdunkelt sich der Himmel erneut über ihnen.

Das Schicksal ereilt die Zunft diesmal in Gestalt von Frankreichs berühmtester Sterndeuterin, Elisabeth Teissier, bekannt für ihre Horoskopkolumnen und als Beraterin des verstorbenen Staatspräsidenten François Mitterrand. Die "unverschämt erotische Astrologin" (Neue Revue) hat eine soziologische Debatte ausgelöst, die mittlerweile die Disziplin in ihren Grundfesten erschüttert. Im Zentrum steht die Frage, ob sich eine Astrologin, die bislang vor allem in der Fernsehzeitschrift Télé 7 jours publizierte, nun auch mit akademischen Weihen schmücken darf. Ins Kreuzfeuer geraten ist dabei ausgerechnet die ehrwürdige Pariser Sorbonne, die vor über 300 Jahren die Astrologie aus den wissenschaftlichen Disziplinen ausschloss und seither als Hort aufklärerischer Rationalität gilt - und die Elisabeth Teissier nun gleichwohl den Titel eines Doktors der Soziologie verlieh.

Unter ihrem Mädchennamen Germaine Hanselmann legte die Starastrologin dazu eine rund 900-seitige Doktorarbeit mit dem hochtrabenden Titel Die epistemologische Situation der Astrologie, dargestellt anhand der Ambivalenz Faszination/Ablehnung in den postmodernen Gesellschaften vor. Schon die öffentliche Disputation im April geriet Teissier zum großen Auftritt: Rund 280 Astrologieanhänger waren ihrer Einladung in die Sorbonne gefolgt; noch nie, so notierte der Nouvel Observateur süffisant, waren dort so viele elegante Damen gesichtet worden, die "offensichtlich mit den Boutiquen der Rue du Faubourg St. Honoré sehr viel vertrauter waren als mit den harten Universitätsbänken". Das Publikum wurde nicht enttäuscht: Hanselmann-Teissier bestand ihr Rigorosum mit dem lobenden Prädikat très honorable - wenn auch ohne den bei dieser Note sonst üblichen Glückwunsch der Jury.

Seither triumphiert die astrologische Gemeinde, und Elisabeth Teissier sieht sich ihrem erklärten Ziel, die Astrologie als Lehrfach an der Sorbonne wieder einzuführen, erheblich näher. In der akademischen Welt herrscht derweil blankes Entsetzen: Gleich vier Nobelpreisträger protestierten in einem Brief an Bildungsminister Jack Lang gegen die Entscheidung der Sorbonne, und über 350 Soziologen forderten in einer Petition die Universität auf, die Anerkennung des Doktortitels noch einmal zu überdenken. Vor wenigen Tagen legten die Kritiker nach. Eine Expertenkommission der Französischen Gesellschaft für wissenschaftliche Information (Afis) stellte nach intensivem Studium der Teissierschen Arbeit ein vernichtendes Zeugnis aus: Das zweibändige Elaborat sei "in keinem Moment und in keiner Weise eine soziologische Doktorarbeit". Doch die Pariser Universität zeigt sich unbeeindruckt und will trotz aller Proteste zu ihrer Entscheidung stehen.

Längst ist auch in den französischen Zeitungen eine erregte Debatte über die "Affäre Teissier" entbrannt. Dabei geht es nicht mehr nur um den wissenschaftlichen Wert der Teissierschen Arbeit, sondern um das (Selbst-)Verständnis der Soziologie als solcher. Während die Kritiker Teissier vorwerfen, lediglich ein "antirationalistisches" Plädoyer für die Astrologie geschrieben zu haben und ihren Doktortitel zur Rehabilitierung einer Pseudowissenschaft zu missbrauchen, werden auch andere Stimmen laut. Der bekannte Soziologe Alain Touraine sprang Elisabeth Teissier in ihrem Kampf gegen den "Szientismus" zur Seite und forderte in Le Monde eine lebendigere Wissenschaft, die "über die Vernunft und ihr Kalkül" hinausgehe. Seine Kollegin Judith Lazar beklagte gar im Figaro, Elisabeth Teissier sei das "Opfer einer Hexenjagd" geworden, die eigentlich nicht ihr, sondern ihrem Doktorvater Michel Maffesoli gelte. Der bringe schließlich "frischen Wind in eine sterbende Soziologie".

So weitet sich der Teissier-Zwist zu einem Grundsatzstreit zwischen verschiedenen soziologischen Strömungen aus - den Vertreter einer positivistischen Soziologie im Sinne Emile Durckheims einerseits, die quantitative Techniken und objektive Methoden fordern, und den Nachfolgern Max Webers andererseits, die mehr auf phänomenologische Beschreibung und subjektive Erfahrung setzen. Michel Maffesoli, der sich unter anderem mit der Kultur des Hedonismus und dem New Age auseinander setzte, gehört dabei zweifellos zum extremen Zweig der phänomenologischen Soziologie. Dementsprechend sieht er sich selbst als Opfer missgünstiger Fachkollegen, denen sein eher "intuitives" Vorgehen ein Dorn im Auge sei. Er steht jedenfalls zu seiner Doktorandin Teissier. Sicher gäbe es in deren Arbeit auch anfechtbare Passagen, meint Maffesoli, doch das sei schließlich normal.

Fragt sich nur, wie groß der Anteil der "anfechtbaren Partien" ist. Für die Expertenkommission der Afis findet sich in Teissiers Promotion keine "Spur von einigermaßen ausgearbeiteter soziologischer Problemstellung, von wissenschaftlich konstruierten, empirischen Daten oder von Forschungsmethoden, die diesen Namen verdienten". Selbst Teissier-Unterstützer Touraine beklagt, die Astrologin sei "sehr begrenzt in ihren Analysen", liste vor allem eigene Erinnerungen auf und widme ihre Arbeit "nur sich selbst".