London

Der Verlierer beim Kampf um die Führung der Tories steht bereits fest: Es ist die Partei selbst. Zwei verheerende Wahlniederlagen und der Verlust von 6 Millionen Wählern hätten eigentlich als heilsamer Schock wirken sollen. Doch die Tories wirken wie von allen guten Geistern verlassen. Die Suche nach einem neuen Parteichef degeneriert mehr zur bösartigen Schlammschlacht. Verloren gingen die Qualitäten, die einst die historische Rolle der Tories als natürliche Regierungspartei begründet hatten: Raison d'être der Konservativen war die Macht im Staate, was nach weltoffenem Pragmatismus und innerparteilicher Loyalität verlangte.

Nichts davon ist übrig geblieben. Der selbstzerstörerische Streit über Europa und der Vormarsch des neoliberalen Marktfundamentalismus haben den britischen Konservatismus zerstört. Nun wird dem Publikum in einem Stück Sommertheater mit beinahe Shakespearescher Wucht ein Bürgerkrieg mit Intrigen und Verrat dargeboten. Wunden werden aufgerissen, alte Rechnungen beglichen. Margaret Thatcher (The Mummy, die Mumie, ist wahrlich zurückgekehrt) sucht ihre Partei heim wie eine ruhelose Untote, prophezeit düster Katastrophe und Untergang, sollten die Tories sich für den verhassten Proeuropäer Kenneth Clarke entscheiden. John Major, auch er getrieben von Rachegelüsten, beschuldigt Maggie des "Komplotts" gegen seine Regierung und brandmarkt ihren erklärten Favoriten Iain Duncan Smith, einen harten rechten Europahasser, als illoyal und gefährlich extrem.

Labour lehnt sich genüsslich zurück: Einen problemfreien Sommer hat Blair bislang noch nicht erleben dürfen. Vernünftige Tories aber werden von Endzeitahnungen umgetrieben. Eine konservative Regierung werde es zu seinen Lebzeiten nicht mehr geben, gestand ein vergleichsweise junger Exminister aus der letzten konservativen Regierung. Das ist kein übertriebener Zweckpessimismus. In der Partei brechen womöglich unüberbrückbare Gräben auf. Eine Spaltung ist möglich, wer auch siegen mag, Kenneth Clarke, der burschikos-hemdsärmelige Eurofan, oder Iain Duncan Smith, der glühende Bewunderer des amerikanischen Modells. Erwartungsvoll reiben sich die Liberaldemokraten die Hände; sie rechnen mit prominenten Überläufern, sollte Duncan Smith siegen. Insgeheim träumen sie von einem historischen Durchbruch: Die Selbstzerstörung der Tories könnte sie zur einzig Alternative zu Labour machen.

Völlig abwegig ist der Traum nicht. Die Wählerbasis der Tories schrumpfte dramatisch zusammen: Die breiten unteren Mittelschichten, die sozialen Aufsteiger und professional classes wanderten in Scharen zu New Labour oder den Liberaldemokraten ab. Noch düsterer steht es um die Mitgliederschaft der Tories. Bei den 300 000 Konservativen, die erstmals in der Geschichte den neuen Parteichef direkt küren dürfen, handelt es sich um recht betagte Damen und Herren; ihr Durchschnittsalter liegt zwischen 64 und 68 Jahren. Die Basis neigt zu autoritären und poujadistischen Reflexen; Steuern gelten ihr als Übel, die multiethnische Realität irritiert sie, und Europa beäugt sie mit tiefer Abneigung. Es nützt Kenneth Clarke wenig, dass er weit und breit der bekannteste und populärste Tory ist, ein Vollblutpolitiker, der in 18 Regierungsjahren beinah alle wichtigen Ministerämter bekleidet hat. Sein ungebremster Enthusiasmus für die Währungsunion würde in einen verhängnisvollen Dauerclinch mit Partei und Fraktion münden. Die Tories unter einem Parteichef, der in einem Referendum zusammen mit Tony Blair für den Euro wirbt - die Aussicht erfüllt selbst moderate Tories mit einigem Grausen. Weshalb Clarke den Spitzenjob wohl nicht erhalten wird.

Iain Duncan Smith (IDS) dagegen spricht dem Parteivolk aus der Seele. Der Mann mit militärischem Hintergrund ist ein in der Wolle gefärbter Antieuropäer. Dem Euro wird er, anders als der letzte Parteichef William Hague, "niemals" zustimmen. In den 90er Jahren führte Duncan Smith die Rebellion gegen Maastricht an, stimmte Dutzende Male gegen die Regierung Major und tat mehr als einmal kund, er wolle Großbritannien am liebsten ganz vom Joch der Europäischen Union befreien. Im innerparteilichen Wahlkampf fraß IDS Kreide, gab sich verbindlich und pragmatisch, versuchte sich gar in der Rhetorik von Erneuerung und sozialer Toleranz. Doch sein Sieg würde den dramatischen Rechtsruck der Partei besiegeln. Der 48-Jährige ist ein Sprössling der neokonservativen Revolution. Seit langem schon pflegt er enge Kontakte in Washington, gilt bei Militärs und Politikern der Bush-Administration als one of us, als verlässlicher ideologischer Kampfgefährte und Transatlantiker. Mit Wohlgefallen registrierte man seine scharfen Attacken gegen Großbritanniens Teilnahme an einer europäischen Streitmacht und sein Plädoyer für die britische Mitgliedschaft in der Freihandelszone Nafta. Auch Duncan Smiths Ausflüge in die Gesellschafts- und Sozialpolitik verraten eine ausgeprägte Vorliebe für den republikanischen Weg. Er befürwortet die Todesstrafe, predigt traditionelle Werte und empfiehlt im Bildungs- und Sozialwesen die Verwendung von vouchers, von Gutscheinen für die Bürger. Die Rolle des Staats soll immer weiter zurückgedrängt werden.

Es ist nicht einmal sicher, ob ihm die peinliche Enthüllung schaden wird, dass sich in seiner Wahlkampfmannschaft Konservative engagierten, die in Verbindung mit der rechtsextremistischen British National Party stehen und für freiwillige Repatriierung farbiger Briten und ein Ende farbiger Einwanderung plädieren. Duncan Smith sei gewiss kein Rassist, schrieb Matthew Parris, Times-Kolumnist und Ex-Tory-Abgeordneter; aber "er hat eine Art zu sprechen, die einen inneren Einklang nahe legt; er erreicht Antennen, die weit rechts von seinen eigenen platziert sind. Selbst wenn er nicht ganz mit solchen Leuten übereinstimmt, so versteht er sie doch. Sie denken, er ist einer von ihnen." In früheren Zeiten hätte ihm das Parteivolk seine notorisch illoyale Haltung gegenüber dem Tory-Premier John Major gewiss nicht verziehen; jetzt, da sich die Partei in eine fanatische Sekte zu verwandeln beginnt, gereicht ihm dies eher zum Nutzen. Er war illoyal im Dienste einer "höheren Sache", des Kampfes gegen europäische Integration.