Die Dreharbeiten von Blade II - Bloodlust stehen kurz vor dem Abschluss. Tomas Krejci vibriert förmlich vor Stolz. Noch nie zuvor ist ein so hoch budgetierter Film in Prag gedreht worden. Von den 55 Millionen Dollar, die Blade II kostet, ließe sich bequem ein ganzer Jahrgang tschechischer Kinofilme bezahlen. Krejci hat die US-Produktion hierher holen können, in seine Heimat, weil die Techniker, die Komparsen, die Leihmieten, die Studios, also fast alles, was man für einen Film braucht, im Böhmischen viel günstiger sind als in Kalifornien. Wie Krejcis Produktionsbetrieb Milk & Honey, arbeitet in der Tschechischen Republik eine Hand voll Firmen - innerhalb der tschechischen Filmindustrie und doch völlig am tschechischen Film vorbei. Sie vermieten örtliches Personal zu örtlichen Konditionen an Produzenten aus dem Westen. Solange Tschechien nicht der EU beigetreten ist, profitieren sie vom west-östlichen Preisgefälle; danach rechnen sie mit einer längeren Übergangszeit. Den fertigen Werken aus der Fremdproduktionslinie entnimmt man meist erst im Abspann, wo sie gedreht wurden. Blade II wird da eine Ausnahme sein. Für den Vampirthriller darf Prag endlich einmal wieder Prag selbst darstellen. Das ist freilich nicht der Grund, weshalb der Film dort entstand. Die Produzenten haben anders entschieden: Erst als die Stadt - aus Kostengründen - zum Drehort geworden war, avancierte sie auch zum Spielort; das Drehbuch wurde kurzerhand geändert.

Die Flexibilität der Financiers gefällt Krejci, und sie entspricht seiner Idee von global production. Darüber redet er jetzt nicht als Tscheche, der seine Landsleute an US-Firmen verleiht, sondern als Amerikaner, der weltweit nach Sonderangeboten sucht. 1987 war Krejci aus der Tschechoslowakei geflohen, 1996 gründete er Milk & Honey. Hauptsitz der Firma war und ist Los Angeles, daneben gibt es Filialen in Mexico City, Montreal, London, Rom und Moskau - und eben in Krejcis alter Heimat. Im Erdgeschoss des Prager Hauses, wo sich über die I-Macs der selbstverständlich jung-dynamischen Mitarbeiter steinerne Deckenbögen wölben, hängen fünf Uhren nebeneinander an der Wand und folgen tickend den Zeitzonen jener Weltgegenden, in denen Milk & Honey maßgeschneiderte Drehbedingungen anpreist. Der gelernte Amerikaner Tomas Krejci, der viel lieber in L. A. lebt ("Ich pendle!"), trägt ein kerniges Lächeln mit maximalem Jovialitätsfaktor auf, wirft gern die Arme auseinander, als wolle er seiner globalisierten Perspektive noch mehr Auslauf gestatten, und träumt von einer Zeit, in der Filme rund um die Erde nur noch in einer Sprache gedreht werden - in Englisch. Nach einem so kosmopolitisch-schwärmenden Blick in die Zukunft fällt das Urteil über die ortsansässige Gegenwart natürlich bedenklich aus: Zu viel altes Denken, zu viel Schmoren-im-eigenen-Saft! Am liebsten würde Krejci seinen ehemaligen Landsleuten jene Schocktherapie verschreiben, die er selbst durchlitt bei der Ankunft in den USA. Sie mündete in seine Selbstfindung als glücklicher Gewinner. "Wir müssen positiver denken - und abstrahieren lernen." Der Nachsatz gilt besonders Tschechiens Filmemachern. Universelle Geschichten unterhaltsam erzählen, am besten auf Englisch - nur so könnten deren Filme über die Landesgrenzen hinausgelangen. Und das sollten sie doch.

Die Amis sind Fluch und Segen

Ja, das sollten sie wohl besser. Denn mit den Zuschauern aus Böhmen und Mähren allein lässt sich nur schwer eine Filmindustrie aufrechterhalten. Die Tschechische Republik hat keine elf Millionen Einwohner. Nur sehr billige Produktionen können im eigenen Land ihren Einsatz wieder einspielen - und dann sind sie schon sehr erfolgreich. Als stattliches Ergebnis gelten 200 000 Zuschauer. Völlig zu Recht: In Deutschland müssten, um auf die gleiche Quote zu kommen, mindestens eineinhalb Millionen Menschen ins Kino gehen. Ein solches Ergebnis erzielen etwa zwei deutsche Filme pro Jahr, bei einer Gesamtproduktion von zuletzt 75 Filmen. Die Tschechen haben im selben Zeitraum gerade 20 Filme fertig gestellt - aber darunter waren gleich ein halbes Dutzend Erfolgstitel. Der Marktanteil einheimischer Werke liegt im ersten Halbjahr 2001 bei 37 Prozent. "Das ist unvergleichlich. In Europa kann höchstens Frankreich mit unserer Quote konkurrieren", meint der Produzent Pavel Strnad. "Erklären kann ich's mir aber auch nicht." Strnad sitzt im Globe Café, einem entschieden fortschrittlich gestimmten Prager Nachwendelokal, das Internet-Surfplätze anbietet, auf amerikanische oder amerikanisierte Gäste spekuliert und im vorgeschalteten Buchladen englischsprachige Bücher vertreibt; neben der Kasse, als Reiztitel Nummer eins, steht das Werk Why Commercialism won in Modern America, fast wirkt es wie eine Mahnung. Strnad, 31 Jahre alt, leitet den tschechischen Produzentenverband und versucht seit einiger Zeit, dem Staat eine ordentliche Filmförderung abzuringen. Er stößt auf taube Ohren, denn von außen betrachtet scheint das tschechische Kino schließlich bestens durchblutet und satt mit Zuspruch versorgt.

Und Herr Strnad (sagt der Besucher aus Deutschland), sehen Sie sich doch selbst an - so jung und schon so weit gekommen. - Ach was, erwidert Strnad, ich bin doch nur ein weiterer Beweis für die Unreife des hiesigen Geschäfts. Und dazu lächelt er so hingehuscht lausbübisch, dass man ihm die kurzgeschlossene Beweisführung sofort glaubt. Strnad produziert gewissermaßen am Selbsthelferrand des Spektrums. Während Krejci das dicke Geld von draußen durchwinkt zu den Tschechen, die besonders gern für westliche Tagessätze arbeiten, muss Strnad sich seine Budgets durch Fernsehvorverkäufe zusammenkratzen und Crews zu Zeiten buchen, für die ihnen gerade kein verlockenderes Angebot vorliegt.

Ach, die Amis, Fluch und Segen. Wie gut, dass sie kommen, sonst müssten nämlich Techniker in Scharen umschulen. Denn der nachsozialistische Haushalt finanziert ja keinen Kinokoloss mehr wie damals, als rund um die stolzen Barrandov-Studios alle Filmleute ein ordentliches Gehalt vom Staat bezogen. Heute, knapp zehn Jahre nach ihrer Privatisierung, sind die Studios aufs Neue stolz, wegen Hart's War mit Bruce Willis, Black Sheep mit Anthony Hopkins, The Bourne Identity mit Matt Damon und ein paar weiterer repräsentativer Großprojekte. Aber diese Klötze verderben auch die Preise. "Regieassistenten verdienen jetzt an einem Tag, was sie vor zehn Jahren in einem Monat verdient haben", sagt Strnad, der von Zeit zu Zeit die Solidaritätskarte ausspielen muss: Mach mit bei uns, tu es fürs tschechische Kino! Nur auf einen Platz in Barrandov muss er trotzdem verzichten. Den kann er sich höchstens leisten, wenn die gebetenen Gäste aus dem Westen mal eine Lücke lassen in der Studiobelegung.

Jetzt zum Beispiel hätte er gute Chancen auf attraktive Rabattmargen. Barrandovs Marketingdirektor Matous Forbelsky ist es nachgerade peinlich, wie unbelebt das Gelände augenblicklich daliegt im nachmittäglichen Sonnendämmer. Tja, die Streiks in Hollywood beziehungsweise die entsprechenden Drohungen, das hätte zu vorsorglichen Absagen geführt, und nun - Forbelsky stößt die Tür zu einem etwa 200 Meter langen Korridor auf, in dem niemand zu sehen ist - nun käme man wenigstens dazu, hier mal etwas zu streichen. Den Satz bringt er nicht ohne Anzeichen milder Zerknirschung zu Ende. Dann aber doch: Hämmern, Klappern, Kommandos. In einer Halle werden Innenräume zusammengezimmert, nächste Woche kommt, immerhin, das Team des ZDF-Krimis Das Opfer. Für die große Halle nebenan allerdings muss Forbelsky den Schlüsseldienst ordern. Gähnende, großartige, schalldichte Leere. Noch vor zwei Wochen wurden hier Luxushotelsuiten bespielt, unter anderem von Anthony Hopkins. Draußen vor der Tür stand dessen Wohnwagen, und nur einen Steinwurf entfernt stand Bruce Willis' Trailer. Willis hatte nebenan in Weltkriegskulissen zu drehen, und natürlich war sein Wagen ein wenig größer.