Hätt' dem Wildschütz Jennerwein bestimmt auch gut gefallen, wenn er grad da gewesen wär'. Kleine Abschweifung gestattet? Der historische Wilderer war einst oft auf der Firstalm, die auch heute noch eine richtige kleine Alm ist (zwei Kühe, 40 Kälber, die Sennerin heißt Christiane und fährt einen Renault Rapid mit geblümten Vorhängen), hauptsächlich aber ein großes Berggasthaus mit sehr vielen Verbotsschildern und einem Souvenirshop. Jennerwein liegt seit mehr als hundert Jahren drunten im Tal auf dem Friedhof. "Dort ruht er jetzt", heißt es im bekanntesten Volkslied der Gegend, "im Grabe wie ein jeheder und wartet stille auf den Jüngsten Tag; dann zeigt uns Jennerwein den feigen Jähäger, der ihn von hinten her erschossen hat." Auf den Jennerwein kommen wir noch zurück.

Yella mit den anregenden Zehen gehörte zu einer Gruppe von sieben Freiwilligen, zwei Frauen und fünf Männern, die an einem lawinengefährdeten Steilhang oberhalb der Straße zwischen Schliersee und Spitzingsee eine Woche lang unter Anleitung eines Försters junge Bäume pflanzten. Freiwillig? Unbezahlt? Genau. Sie legten sogar noch was drauf: fünf Urlaubstage sowie die Kosten für Reise und Verpflegung. Nur Übernachtung und Frühstück auf der Firstalm zahlte der Deutsche Alpenverein (DAV), der das Ganze organisierte. Die Arbeit war anstrengend; wegen Steinschlag und Rutschgefahr nicht ganz ungefährlich. Am dritten Tag rannten wir vor einem Gewitter halsbrecherisch davon, hinunter, bloß hinunter, und wurden doch so nass, dass die Klamotten noch am nächsten Morgen klamm waren. Trotz solcher Härten war's ... schön. Befriedigend.

Eintausendachthundert Bäumchen haben wir eingesetzt. 800 Lärchen. 600 Buchen. 400 Mehlbeeren. Stück für Stück für Stück. Ein harmonisierender Ausgleich zum Alltag, den Yella, als die Runde ihren Nagellack thematisierte, anschaulich beschrieb: "So mag ich das", sagte sie, "verschiedene Leben leben. Zu Hause stehen meine Bergstiefel neben den Manolo Blahniks." (Zweite Abschweifung: M. Blahnik ist der international gefragteste Designer von superdünnen, -hohen und -teuren Stilettos. Schuhen, nicht Taschenmessern).

Und was macht Madame Yella, wenn sie nicht gerade Pflanzlöcher in steinige Berghänge pickelt? Sind es Sonderlinge, die sich einen solchen Arbeitseinsatz in ihrer Freizeit antun? Ganz und gar nicht, weiß Franz Speer vom Alpenverein. Er hat als Naturschutzreferent das DAV-Projekt Hochlagenaufforstung - Hola-Aktionen im Vereinsjargon - 1984 auf den Weg gebracht. Seither haben gut 2000 Teilnehmer mitgemacht und zwischen Sonthofen und Berchtesgaden etwa 350 000 Bäumchen gepflanzt. "Da sind Leute aus allen Schichten dabei", sagt Speer, "vom Arbeiter bis zum Professor. Anfangs waren es nur Vereinsmitglieder, heute machen auch andere mit, von überall her in Deutschland. Das sind einfach Menschen, die viel in den Bergen sind und der Natur was zurückgeben wollen. Leute, die kapieren, wie wichtig ein gesunder Bergwald ist. Keine Spinner." Stimmt, was die Firstalm-Gruppe betrifft. Yella zum Beispiel: Kostümbildnerin in München. Arbeitet für Oper, Film, Werbung. Verheiratet, zwei Söhne, acht und zehn, mit denen sie gern in den Bergen wandert. Weil sie die Schlierseer Gegend mag, hat sie sich diesen Einsatzort ausgesucht.

Sie hätte auch Garmisch, Mittenwald, Oberammergau, Tölz, Kreuth, Ruhpolding oder Berchtesgaden wählen können. Der DAV bietet die Hola in diesem Sommer an acht Orten zu 13 Terminen an. In der Ausschreibung wird die Unterkunft spezifiziert (meistens steht da "Forstdiensthütte", "Schlafsack mitbringen") sowie die Tätigkeit ("Pflanzung", "Steigbau") und das Gelände ("besonders steil", "nicht sehr schwierig", "Hochgebirgstauglichkeit ist Voraussetzung"). In unserem Fall hieß es: "Absolute Schwindelfreiheit erforderlich."

Es herrscht also schon eine Spannung, als die sieben Freiwilligen eines Montagmorgens im August auf der Firstalm Regenzeug, Arbeitshandschuhe, Brotzeit und Getränk in ihre Rucksäcke packen. Der erste Arbeitstag. Wie schwindelerregend wird es werden? Dietrich Dickow, 61, frühpensionierter Realschullehrer aus Lüneburg mit vollem Grauhaar, sportlicher Haltung und dem Drang, Einfaches umständlich zu sagen ("Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass ich in diesem unserem Kreise der Älteste sei") - Dietrich also hat hoffnungsvoll Klettergurt und Seil mitgebracht, zum Bäume pflanzen. Die Gruppe steigt aber erst mal bloß zu Revierförster Alfons Rauch und einem Mitarbeiter in die Dienstautos: Zum Arbeitsplatz anderthalb Stunden zu laufen wäre uneffektiv. Zehn Minuten Fahrt bis zu einem Parkplatz im Wald östlich über der Spitzingsee-Straße. Rucksäcke schultern, jetzt geht's zu Fuß weiter. Eine halbe Stunde auf steilem Pfad nach oben. Förster Rauch geht voraus und erklärt, was Sache ist im Bergwald.

Hagenberg heißt die Flanke, in die wir einsteigen. Von Bergwanderern fast nie begangen, kein attraktiver Gipfel wie Brecherspitz, Rotwand oder Sonnwendjoch. Für den örtlichen Tourismus hat der Hagenberg ex negativo Bedeutung: Im Winter, wenn die Gasthäuser am Spitzingsee ihr Hauptgeschäft machen, bedrohen Lawinen vom Hagenberg die Zufahrtstraße. Sie muss immer wieder gesperrt werden. Saurer Regen und Wildverbiss haben den Schutzwald, der die Schneemassen aufhalten sollte, beschädigt. Förster Rauch deutet auf kaputte, schüttere Wipfel von Tannen und Fichten, er bückt sich zu einer kniehohen Kiefer und zeigt, was Gemsen, Hirsche und Rehe am stillen Hagenberg anrichten: Rundherum sind die Triebe des Bäumchens abgeknabbert. Hier oben, in über tausend Meter Höhe, wachsen Bäume ohnehin extrem langsam, die kleine Kiefer wird noch viel länger brauchen, wenn sie den Verbiss denn überlebt.