Die Briefe kamen freundlich daher. Wie viele Blutspenden denn mit dem Amplicor-Test auf Hepatitis C geprüft würden, erkundigte sich der Pharmakonzern Hoffmann-La Roche Anfang des Jahres bei den Chefs europäischer Blutbanken. Man müsse nämlich leider demnächst Lizenzgebühren einziehen, und, sorry, nicht pro abgegebenen Test, sondern pro Blutspende. Preise würden später genannt. Besonders in Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und Frankreich versetzte das Anschreiben die Blutbanker in Schrecken. Denn wie sich mittlerweile herausstellt, könnten solche Gebühren die europäischen Gesundheitssysteme um jährlich bis zu 600 Millionen Mark verteuern.

Die Schweizer Pharmazeuten fordern das Geld für Tests auf Hepatitis-C-Viren (HCV) in frisch gezapftem Blut. Als der Erreger noch unbekannt war, die gefürchtete Leberentzündung daher noch Non-A-Non-B-Hepatitis hieß, infizierte sich einer von 5000 Konservenempfängern. Inzwischen ist die Infektionsrate dank des 1996 eingeführten Tests auf unter eins von einer Million gesunken.

Eigentlich war jeweils ein Test-Kit für einen Blutbeutel vorgesehen. Aber die Methode ist so empfindlich, dass sich ohne Qualitätsverlust bis zu 96 zusammengeschüttete (gepoolte) Blutbeutel auf einmal prüfen lassen. Für wenig mehr als eine Mark pro Spende schien das Problem gelöst.

Das wurmt die Roche-Manager schon lange. Doch ihr Plan, die Lizenzen pro Blutspende durchzusetzen, wurde bislang durch einen erbitterten Patentstreit mit der kalifornischen Bio-Tech-Firma Chiron vereitelt. Chiron hält bis zum Jahr 2010 die Rechte auf das entschlüsselte HCV-Genom. Roche hingegen ist bis 2006 im Besitz des Patents für die Polymerasekettenreaktion (PCR), die Nachweismethode für das HCV-Erbgut. Beide Patente sind für einen Bluttest notwendig: Anhand charakteristischer Erbgutschnipsel lässt sich das tückische Virus entdecken. Und mithilfe der PCR werden diese millionenfach vervielfältigt und sind dann leicht zu identifizieren. Erst im Mai, nach fast einem Jahrzehnt, einigten sich die Kontrahenten. Roche zahlt an die Kalifornier einmalig 85 Millionen Dollar für den HCV-Test und muss in Zukunft für jede Blutspende Lizenzgebühren an Chiron weiterreichen. Im Gegenzug darf Roche unbehelligt Test-Kits vertreiben - und endlich pro Blutspende statt pro gelieferten Test abrechnen. Normale Marktwirtschaft? Der Verdacht keimt auf, dass sich ein paar Monopolisten an staatlich vorgeschriebener Sicherheit bereichern.

Mit ihrem Deal sichern sich die Monopolisten eine Goldmine. Nun kann Roche den Blutbanken die Preise diktieren. Im Spätsommer könnte dann, was vorher für eine Mark zu haben war, 20 Mark pro Blutspende kosten. Noch verhandeln die Blutbanken, entwickeln Abwehrstrategien und schmieden internationale Allianzen. Die Gebühren könnten auf gut die Hälfte der 4,5 Millionen Blutspenden in Deutschland fällig werden - auf die Konserven, die mit Roches Test-Kit auf Viren geprüft werden. Kassieren beide Konzerne auch noch für PCR-Tests, welche die Kliniken selbst entwickelt haben, fürchtet Walter Hitzler, Vorsitzender aller staatlichen und kommunalen Blutspendedienste, würde sich die Rechnung fürs deutsche Blutspendewesen auf 120 bis 150 Millionen Mark jährlich addieren.

Sicherheit ist teuer. Zu teuer?

Die Bestimmungen für Blutprodukte wurden immer wieder verschärft, nachdem die Aufsichtsbehörden unter Beschuss geraten waren: Bluter infizierten sich zu Tausenden über Blutprodukte mit Hepatitis-C-Viren, Fixer wurden als Spender akzeptiert, und neuerdings heißt es, möglicherweise kreise der BSE-Erreger in den Körpern von Fleischessern. Ein weiterer Zwischenfall wäre fatal, würde das ohnehin gestörte Vertrauen in die rote Arznei nachhaltig erschüttern. Ab Oktober dieses Jahres müssen die weißen Blutkörperchen aus dem Blut gefiltert werden, ab 2002 wird auch noch der PCR-Nachweis des Aids-Virus Pflicht.