Zwei Kontroversen bestimmen die Debattenlage dieses Sommers, zwei Helden des vergangenen Jahrhunderts stehen in ihrem Mittelpunkt: Sebastian Haffner, der berühmte Publizist und Historiker, und Leo Baeck, der große Gelehrte und Reformrabbiner. Soll man von "Historikerstreit" sprechen, wie es schon mancherorts geschieht? Bei allem verständlichen Verlangen, diesen Debatten das marktgängige Label aufzukleben: Braucht man dazu jetzt eigentlich keine Historiker mehr? Gerade die Fachleute halten sich aber bisher in beiden Fällen sehr zurück.

Es ist nach den bisherigen Erkenntnissen unwahrscheinlich, dass Haffner oder Baeck aus dem Streit ernsthaft beschädigt hervorgehen werden. Dennoch kann man die beiden Affären nicht als Sommerlochphantome abtun. Man muss sie zusammen ins Auge fassen, um ein Muster zu erkennen.

Erstaunlicherweise hat noch niemand auf die auffällige Parallelität der Vorwürfe hingewiesen, mit denen die Nachwelt Haffner und Baeck zu Leibe rückt. In beiden Fällen geht es nämlich zunächst um Fragen der Autorschaft und der biografischen Aufrichtigkeit. Sowohl Haffner wie Baeck wird angelastet, die wahren Umstände der Entstehung wichtiger Werke - im ersten Fall der Geschichte eines Deutschen, im zweiten der Entwicklung der Rechtsstellung der Juden in Europa - zu eigenen Gunsten mystifiziert zu haben. Haffner soll sich in seinen Jugenderinnerungen durch spätere Redigaturen und Überarbeitungen hellsichtiger gemacht haben, als es ihm 1939, zum angeblichen Zeitpunkt der Abfassung, möglich gewesen wäre. Baeck soll seine Arbeit zur Rechtsgeschichte der Juden in Wahrheit nicht, wie von ihm selbst zeitlebens behauptet, im Auftrag des deutschen Widerstands, sondern auf Befehl des Reichssicherheitshauptamts angefertigt haben.

Natürlich geht es in beiden Fällen im Kern doch um mehr als um Fragen von Datierung und Auftrag. An Haffners postumem Buch stört die Kritiker die politische Klarsicht eines jungen Mannes, der im allgemeinen Rausch und Wahn seinen Common Sense bewahrt und früh das schlimme Ende kommen gesehen haben will. Also versucht man zu beweisen, dass sich vieles damals nicht absehen ließ und niemand so früh mit so guten Gründen wie Haffner dagegen sein konnte. Leo Baeck hingegen wird von seinen Kritikern beschuldigt, in seiner Funktion als Repräsentant des deutschen Judentums - und, so scheint es nun, auch als Wissenschaftler - zu innig mit den Nazis kooperiert zu haben: Wer so viel wie er von dem die Juden erwartenden Gräuel wusste, musste der sich nicht der Kooperation mit den NS-Behörden versagen und stattdessen einen aktiven Widerstand ermutigen?

Es sind also gewissermaßen gegenstrebige Angriffe, die hier vorgetragen werden: Haffner spricht man seine behauptete frühe Einsicht in die Lage ab, um damit sein lebenslanges Dissidententum abzuwerten. Man darf übrigens annehmen, dass sich der Affekt gegen Haffner nicht nur aus dem jetzt in Rede stehenden Buch speist, sondern auch aus seiner publizistischen Rolle im Nachkriegsdeutschland: als Kritiker der späten Adenauer-Regierung, als väterlicher Freund der Apo, als Gegner der Notstandsgesetze. Da sind anscheinend noch über den Tod hinaus alte Rechnungen offen. Baeck hingegen unterstellt man ein sehr weitgehendes Wissen vom verbrecherischen Charakter des NS-Regimes, um seine zwangsweise Mitwirkung als Judenrat und Wissenschaftler anrüchig erscheinen zu lassen. Der eine Beschuldigte hätte also nicht wissen können, der andere hätte vollkommen absehen müssen, welche Regeln im "Duell mit dem Dritten Reich" (Haffner) gelten - so will es die auf Eindeutigkeit versessene Nachwelt. Gemeinsam ist diesen Attacken, die auf die moralische Integrität der Angegriffenen zielen, dass die Vergangenheit rigoros den ethischen Maßstäben der Gegenwart unterworfen und der Sinn für tragische Zwangslagen historischer Subjekte ausgeblendet wird.

Diesen beiden neueren Revisionsversuchen sind schon andere, ähnliche, vorangegangen. Aus den Debatten um den nationalkonservativen und den kommunistischen Widerstand kennt man das Schema. Zuletzt unternahm vor knapp zwei Jahren der dem Dresdner Hannah-Arendt-Institut assoziierte Historiker Lothar Fritze den Versuch, den Hitler-Attentäter Georg Elser zu demontieren.

Elsers Tat, so Fritze in einem moralphilosophischen Traktat, den er zum 60.