Friedrichstraße, Ecke Linden. Deutschlands Kreuzung, vor 100 Jahren und heute wieder. Warten an der Ampel. Die Sonne scheint, Studentinnen radeln vorüber, Sekretärinnen promenieren auf dem Grünstreifen, Touristinnen warten an Ecken.

Heute gibt es nur Frauen, heute ist Jaguar-Tag, Jaguar-Cabrio-Tag. Ewig soll die Ampel auf Rot stehen und der Schlitten in der Poleposition! Dies ist ein großer Tag. Sie sollen gucken, stehen bleiben, weitergehen, sich noch mal umdrehen. Und keinen Blick wird der Fahrer zurückschenken. Gucken sollen sie!

Keine guckt, nicht eine. Nicht in Frankfurt und nicht in Berlin, nicht im Gallusviertel, nicht in Mitte, nicht in Schöneberg. Man steht mit dem schönsten Auto weit und breit vor der Ampel, und es guckt einfach keine!

Am Fahrer soll es nicht liegen. Weder trägt er Pilotenbrille noch ein champagnerfarbenes Lederjackett. Es ist schlicht unbegreiflich. Eine Freundin bietet so etwas wie eine Erklärung an: Frauen, sagt sie, vor allem die mit Klasse, würden grundsätzlich wegsehen, wenn Männer in ungewöhnlichen Autos sitzen, schon um ihnen die Genugtuung zu verweigern. Können diese Worte trösten?

Natürlich fährt man keinen XK8, um Eindruck zu schinden. Ein Jag wird um seiner selbst willen gekauft, weil seine Formen erfreuen, seine Details, das Fahrgefühl. Aber dass so überhaupt keine guckt?! Man beginnt den Mythos zu hinterfragen - und entdeckt einen neuen. Vielleicht ist die Erklärung, dass dem XK8 bei aller Exklusivität etwas überraschend Selbstverständliches anhaftet. Selbstverständlich nicht im üblichen Sinne - ein 150 000-Mark-Auto mit Haifischschnauze und flacher Karosserie ist kein Passat. Und doch wirkt dieser Jaguar auf elegante Weise unauffällig, was daran liegen mag, dass er einfach aussieht, wie ein Sportwagen aussehen muss, ziemlich genau so, wie ein kleines Kind einen Sportwagen malen würde.

Perfektion schmeichelt dem Auge, aber sie fordert es nicht heraus. Dass niemand hinschaut, weil jeder instinktiv empfindet, dass da was ist, was da so hingehört, das hat auch Vorteile: Berlin, Waldbühne, Vorfahren vor dem Prominenteneingang, zwischen einer grünen Minna und einem Rettungswagen parken, zwei Stunden U2 hören, zurückkommen, aufschließen und abfahren - das geht mit diesem Cabrio

ein Audi wäre abgeschleppt worden.