Jan Frühling hat Glück gehabt. Der 35-Jährige fand kurz nach seinem Diplom an der TU Berlin eine feste Stelle. In einem kleinen Berliner Architekturbüro arbeitet er seit knapp einem Jahr vor allem in der Ausführungsplanung: Er zeichnet für die Handwerker Konstruktionspläne, überlegt, wo Leitungen und Rohre verlaufen sollen oder welche Dämmstoffe infrage kommen.

Von einem festen Job können viele, die den Dipl.-Ing. in Architektur gemacht haben, nur träumen. Die Zahl der arbeitslosen Architekten hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Viele der rund 6500 Absolventen, die jährlich die Hochschulen verlassen, müssen sich als freie Mitarbeiter durchschlagen.

Jan Frühling hat mit 22 Semestern fünf Jahre länger studiert als der Durchschnittsabsolvent. Eine lange Zeit, in der man viel lernen kann. "Doch das meiste von dem, was ich heute Tag für Tag im Büro mache", sagt der Jungarchitekt, "habe ich nicht an der Uni gelernt, sondern während der Jobs, die ich nebenher hatte. An der Uni dreht sich fast alles nur ums Entwerfen."

Reine Entwerfer sind aber auf dem Arbeitsmarkt wenig gefragt. Der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan führt mit Volkwin Marg und weiteren Partnern das größte deutsche Architekturbüro. Doch selbst bei der Architekturfabrik gmp sind nur etwa 40 der 270 Mitarbeiter damit beschäftigt, die Gestalt für Bürohäuser, Bahnhöfe und Flughäfen zu ersinnen.

Das Beispiel Jan Frühling könnte Meinhard von Gerkan denn auch als Beleg anführen für das Elend, das nach seiner Ansicht die Architektenausbildung in Deutschland kennzeichnet. "Es werden zu viele junge Leute mit zu hohem Anspruch ausgebildet, mehr, als die Gesellschaft braucht, und weit mehr, als überhaupt begabt sind", urteilt von Gerkan, der ordentlicher Professor für Entwerfen an der TU Braunschweig ist. Sein Fazit: "Die Hochschulen bringen zu viele mittelmäßige und schlecht ausgebildete Architekten hervor."

Tatsächlich gibt es unter den 72 deutschen Hochschulen mit einem Fachbereich Architektur keine so herausragenden Talentschmieden wie etwa die Architectural Association in London oder die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich. Wer hierzulande den Ehrgeiz hat, sich als Architekt einen Namen zu machen, versucht, einen Ausbildungsplatz im Ausland zu ergattern. Eine fatale Situation, die sich laut von Gerkan auch in der schlechten Qualität von Bauten bemerkbar mache.

Im Gegensatz zu früher sei die Ausbildung heute partout darauf aus, aus jedem Studenten einen "Stararchitekten" zu machen, und konzentriere sich allzu sehr auf die Kunst des Entwerfens - die praktischen handwerklich-technischen Fähigkeiten, die ein guter Architekt ebenso vorweisen muss, würden auch an den einst praxisorientierten Fachhochschulen vernachlässigt, kritisiert der Professor. Dabei hätten längst nicht alle Studenten das Zeug zum guten Entwerfer. Durchs Diplom falle trotzdem keiner.