Georges Simenon sitzt in Fellinis Traum. Er klappert auf einer Schreibmaschine, zu seinen Füßen scharen sich zehn kleine Jungen und Mädchen.

Eine Traumstimme sagt: "Er malt seinen neuen Roman. Siehst du?" Und Fellini erwacht, überwindet seine Depression, die ihn bei der Planung seines englischsprachigen Casanova überfiel: "Wenn Simenon in meinem Traum seine Romane sogar ,malen' konnte, wie sollte ich da nicht einen Film in einer fremden Sprache drehen können?"

Der italienische Filmregisseur Federico Fellini schreibt dem belgischen Romancier Georges Simenon im August 1976 von seinem Traum, die beiden verehren sich, stehen seit 1960 sporadisch in Kontakt, in den siebziger Jahren wird der Austausch intensiver, beide befinden sich in einer Zeit des Umbruchs. Simenon ist es "fast peinlich, in Ihrem Schlaf eine solche Bedeutung angenommen ... zu haben". Er bewundert den Casanova als eines der größten Meisterwerke der Kunst, er hatte es 1960 als Vorsitzender der Filmjury in Cannes geschafft, La dolce vita gegen den Widerstand der Festivalleitung und der Filmindustrie die Goldene Palme zu verleihen.

Darf man den Fellini-/Simenon-Traum für wahr halten? Oder ihn unter der Notiz Fellinis ablegen: Der einzige wahre Realist ist der Visionär? Er stimmt, weil er gefühlt ist, wie ihre Filme und Bücher. "Antiintellektuell" nennt Simenon ihrer beider Gemeinsamkeit, frei von Regeln, keiner Mode folgend, nur den eigenen Ängsten und Träumen verpflichtet. Als poète maudit gilt ihm dieser Genie-Typus, ähnlich Poe, Baudelaire, Villon, van Gogh oder Goya, einem Schwamm gleich, der Leben aufsaugt und es - verändert - wieder ausdrückt.

Meist ist es der 17 Jahre ältere Georges Simenon, der erklärt und zart deutet, während Fellini Dauerkrisen ausschmückt und über Filme klagt, die er eigentlich nicht machen will. "Mein lieber Fellini", schreibt der Ministrant aus Lüttich, "Sie sind seit einem Jahr wie eine schwangere Frau, die sich fragt, ob sie wirklich ein Kind bekommen wird." Und er hält ihm die Hand, hilft ihm beim Pressen, gibt Streicheleinheiten, bleibt Anreger.

29 Jahre vergehen zwischen dem ersten Brief und dem letzten Telegramm 1989.

Zwischen 1976 und 1980 verdichtet sich der Briefwechsel, Fellini hat nach Casanova das Gefühl, einen Neuanfang setzen zu müssen, kämpft mit ungeliebten Projekten wie Stadt der Frauen. Simenon hatte 1972 aufgehört, Romane zu schreiben, verzichtet auf das schützende literarische Ich, produziert seine autobiografischen Diktate im Umfang von 21 Bänden. Krisentage also, die ein Leben dauern, in denen ein bewunderndes Außen hilft, das Innere wieder in Bewegung zu setzen. Sie sind verschieden genug, um sich etwas zu sagen: der in Rom und Cinecittà verwurzelte Fellini (1920 bis 1993) und der unstete Simenon (1903 bis 1989). Der eine im Chaos auflebend, der andere in Hotelzimmereinsamkeit manisch schreibend, später in Lausanne wohnend - vier Bücher im Jahr galten Simenon als Regel.