Als Horst Schimanski im Juni 1981 seinen ersten Tatort-Fall löste, war Hüseyin Dagli schon zehn Jahre in Duisburg-Ruhrort. Hier mündet die Ruhr in den Rhein, und hier, in den verwinkelten Gassen der Altstadt, steht die urigste Trinkhalle des Reviers. Voll gestopft, schief und eingeklemmt zwischen zwei stattlichen Platanen trotzt sie beständig Wind und Wetter, überlebte den Krieg und das Zechensterben und gehört heute ebenso zu Ruhrort wie der Hochwasserpegel und das Museum der Binnenschifffahrt. Jeden Morgen um fünf öffnet Hüseyin Dagli sein kleines Holzfenster, der Kaffee ist längst gekocht, und die Brötchen sind belegt: Frühstück anne Bude. Dagli, früher einmal Lehrer in der Türkei, kam vor 30 Jahren nach Duisburg und arbeitete 16 Jahre bei Thyssen. Gleich vis-à-vis. Als er 50 wurde, war Schluss, doch der Alleskönner wollte bleiben. Und arbeiten. Jetzt wird er 60, schmiert Brötchen für 1,80 und macht seine 15 Quadratmeter selten vor zehn Uhr abends dicht.

Die blauen Holzlatten könnten mal wieder ein bisschen Farbe brauchen, und die Neonreklame hat einen Wackelkontakt. Doch das störte den Kommunalverband Ruhr (KVR) nicht, und so kürte er die kleine Bude zum schönsten Kiosk im Ruhrgebiet. Rund 16 000 dieser Trinkhallen standen zur Auswahl, diese Dichte ist Weltrekord. Die Bude an der Ecke gehört im Revier zur Kultur, begründet der KVR die Aktion und nahm die von Dagli offiziell in die Route der Industriekultur auf. Unter dem Motto Kohle, Stahl und Bier werden Besucher von Dortmund über Herne bis nach Duisburg geführt, unter Tage, auf die Halde und zum Hochofen. Am Ende liegt Ruhrort, und wer die blaue Bude erreicht hat, wird dem Charme des kleinen Schnuckerparadieses kaum widerstehen können.

Dagli mag seinen Beruf, und die Menschen hier mögen ihn. Datt is 'nen ganz sympathischen, netten Mann, schmeichelt die Nachbarin und packt ihre Zigaretten ein. Tabak und Alkohol und eben die Brötchen. Und im Sommer natürlich das Eis. Wenn es regnet, laufen die Geschäfte schlecht. Nur die Stammkunden bleiben treu, Stammkunden braucht jede Bude. Die kommen täglich und erzählen. Dagli selbst spricht nicht viel, aber er hört zu. Und er lächelt aus seinem blauen Fenster. Wie lange noch? Immer.

In die Altenbochumer Straße wird sich kaum je ein Tourist verirrt haben, und von Kohle und Stahl ist in der ruhigen Wohnsiedlung nichts zu sehen. Karl Hoppe lässt es langsam angehen, und auch wer an seine Bude kommt, braucht Zeit. Vormittags fährt Hoppe Wasser und Bier aus, und ab drei sitzt er dann in seinem Kiosk auf der Ecke. Selten allein, denn seine zwei Kumpels von nebenan kommen jeden Tag auf ein Bierchen vorbei. Fußball und Politik stehen für die drei von der Schankstelle auf der Tagesordnung. Seit 45 Jahren lebe ich von Zigaretten und Bier, erzählt Hoppe, aber die Zeiten werden schlechter. Früher, als die Bochumer Bude nicht mehr war als ein Bretterverschlag, gab es die Pulle Knickelwasser, das Mineralwasser mit patentiertem Kugelverschluss, für sieben Pfennig, und der Betreiber hatte immer auf. Da war die Bude noch der Kurort des kleinen Mannes.

Gemischtes für eine Mark

Heute sitzt Hoppe in einem massiven Häuschen mit Rollladen vor dem Fenster.

Hier bricht so leicht keiner ein, aber die runderneuerte Zechensiedlung macht auch nicht den Eindruck, als sei hier überhaupt schon einmal jemand eingebrochen. Wenn Hoppe sein Nickerchen macht, müssen die Kleinen schellen, um ihr Taschengeld in neuen Fußballbildern anzulegen. Oder in Gemischtes für eine Mark. Dann greift der Karl zur Zange und stopft Stück für Stück saure Gurken, weiße Mäuse und Salzdiamanten in kleine Papiertüten. Er kennt alle Stöpsel, ihre Eltern und ihre Hunde. Und er kennt die Alten, die morgens die WAZ und abends den Schnaps holen.

Schweigend legt Johnny vier Groschen in die Schale und zieht mit zwei Zigaretten von dannen. Der holt sich immer nur zwei Stück, der will aufhören. Die Kunden und ihre Sonderwünsche kennt Secil genau, kaum einer muss bei ihr was bestellen. Die Bude an der Schleswiger Straße im Dortmunder Norden ist ihr zweites Zuhause, die Wohnung der Familie liegt direkt darüber.