Der Film beginnt in den späten 70er Jahren, als das Pornogewerbe noch eine Randexistenz führte - wer wollte, konnte seine Angebote ignorieren. Für ehrgeizige junge Mädchen mit ihrem Körper als Kapital kam es erst mal nicht in Betracht. Gab es doch genug Alternativen. Die erotische Fotografie zum Beispiel, den Playboy, den Striptease.

Annemarie Ostermeier aus München-Giesing ist so eine. Sie wird von dem Fotografen Claus entdeckt, gibt mit Freuden ihren Job in einer Anwaltskanzlei auf und lässt sich ihr braunes Haar blondieren. Auch mit dem Künstlernamen Angela Winter ist sie einverstanden. In einer Filmkomödie reüssiert sie als sexy Blickfang. Die Dinger müssen raushüpfen, damit den Typen die Luft wegbleibt. Angelas Abstieg ins Pornogeschäft erfolgt schleichend, erst unmerklich und schließlich mit gewalttätiger Nachhilfe. Am Ende bleibt ihr nichts anderes übrig: sie ist kokainabhängig, verschuldet, völlig fertig. Du hast mich in eine ekelhafte Falle gelockt, sagt sie zu der Produzentin, die sie gegen ihren Willen in einen Hardcore-Porno einbaut.

Das Interessante an diesem Film (Regie: Christoph Stark) ist, dass seine Geschichte, der Abstieg der Angela Winter (dargestellt von Anna Loos), in der Wirklichkeit vom Aufstieg der Pornografie zum Massenkonsumartikel begleitet wird. Und zu einem Kino- und Videogenre, dem man ein gewisses Prestige nicht mehr absprechen kann. Heute darf ein Mädchen mit dem Körper als Kapital ruhig mit dem Pornogeschäft liebäugeln. Der Geschlechtsakt vor der Kamera ist kein Tabu mehr, das Pornobusiness zwar noch billig, aber trendy. Vielleicht wird es bald ein Genre unter anderen, mit künstlerischen Spitzen.

Ist das ein Problem? Laut Das sündige Mädchen ja. Der vorsichtig moralisierende Zweiteiler, der genügend Innenansichten der Sexindustrie vorführt, um die Voyeure zu locken, aber immer rechtzeitig abblendet, um im Einklang mit seiner politisch korrekten Grundeinstellung zu bleiben, legt den Schwerpunkt auf den hohen Preis, der entrichtet werden muss, wenn das Intimste zum Kamerafutter hergerichtet wird

er zeigt eine betrogene, benutzte, beschmutzte, vergewaltigte Angela. Die aber auch bereit war, sehr weit zu gehen, um Geld und Glamour einzuheimsen. Es ist das alte Thema von dem ehrgeizigen Mädchen, dem die kleinbürgerliche Ehrbarkeit nicht reicht und das beim Griff nach den Sternen den Halt verliert.

Aber hier geht es noch um etwas anderes: Wir befinden uns im Fernsehen, und Angelas Niedergang spiegelt gegenläufig die Heraufkunft eines Kinos, das alles zeigen will, auch und besonders gern den Sex. Geht das gut?

Das sündige Mädchen gibt ein verhauchtes Nein zur Antwort. Man glaubt aber nicht so ganz, dass es ernst gemeint ist. Das ironische Happy End - Angela wird vom alten Freund Claus (gespielt von Jürgen Tarrach) gerade noch dem Freitod entrissen und türmt mit ihm vor den Fotografen - verweist auf eine Entdramatisierung des Themas, die sympathisch wirkt. Es fragt sich nur, ob sie der Sache gerecht wird.