Wie einfach wäre das Leben, wenn es einfach wär: Die Katze eine Katze.

Oben der Herrgott und unten die Menschen. Literatur eine Maschine zur Gedankenübermittlung und jedes Wort Gegenwert eines Begriffs. Doch in ihren schönsten Momenten ist Sprache so kompliziert wie die Welt. Deshalb wünscht sich der Literaturkritiker manchmal, Bücher wären nicht nur so einfach wie möglich, sondern noch einfacher, und ruft wie unlängst Marcel Reich-Ranicki: "Warum kann Thomas Hürlimann nicht Jude schreiben, wenn er Jude meint?" Ganz einfach: Weil Hürlimann Mensch meint, wenn er Jude denkt. Er meint übrigens oft auch Mensch, wenn er Katze sagt. Woraus keineswegs folgt, dass er mit Katze immer Jude meint.

Die Metapher der Katze, im Werk des Schweizer Schriftstellers Hürlimann ein alter Hut, hat neuerdings im Literarischen Quartett und nachher in verschiedenen Zeitungen einen kleinen Aufruhr verursacht. Erotik werde klischierend mit dem Jüdischen in eins gesetzt. Der Autor spiele mit rassistischen Codes. Bref (wie der Onkel Stiftsbibliothekar in der inkriminierten Novelle Fräulein Stark zum Neffen, einem "kleinen Katz", sagen würde), bref, und mit Reich-Ranicki gesprochen: "Ein hochbedenkliches Buch!"

Zumal die Kritik fast flächendeckend versagt, den jüdischen Hintergrund des Textes übersehen habe. Wollen wir nun schnell all jene Journalisten rehabilitieren, die sich doch dazu geäußert haben, sei es in Weltwoche, 3sat, WDR, ZEIT, Süddeutscher Zeitung? Thema erkannt! Setzen? Die von den Alarmisten aufgeworfene Frage lautet anders: Wie eindeutig muss Literatur sein? Antwort: In puncto puncti sicherheitshalber idiotensicher. Wir wissen, was wir vom Antisemitismus halten und wie darüber geschrieben werden muss.

Deshalb ist Thomas Hürlimann schon gewohnt, dass ihm "eine sauber durchgeführte moralische Position" abverlangt wird. "Keine klaren Fronten", wetterte Friedrich Luft 1983 über das Drama Großvater und Halbbruder, das die Abschiebung jüdischer Flüchtlinge aus der Schweiz thematisierte. Damals wurde der Delinquent von der Jerusalem Post verteidigt.

Zwei zentrale Begriffe der Holocaust-Debatte, Schuld und das alte Theodizee-Problem, hat Hürlimann immer wieder aufgenommen. Bref: Wurzelt das Böse im Guten? Doch im Roman Der große Kater wie im Fräulein Stark ist dem Autor der Antisemitismus Indiz eines umfassenderen Dilemmas. Wie wird man Mensch unter den Bedingungen der Restriktion? "Sein Katzenwesen töten" bedeutet in beiden Büchern, sich demütig um Mittelmäßigkeit bemühen. Null sein, nie abweichen. Menschwerdung durch Selbstverleugnung. Natürlich ist Katz ein typisch jüdischer Name, man denke auch an Schlomo Katz aus dem Märchen. Doch Katze bedeutet Verschiedenes, ohne dass das Verschiedene darum das Gleiche sei. Das Verrätseln des Jüdischen gehört hier in einen Verschweigenszusammenhang und verweist - wie beispielsweise Sexualität - als eines von vielen Tabus auf die bei Hürlimann oft zitierten Dessous: auf das Darunter einer zufriedenen, von Autobahnen umschlungenen Nation, die nicht nachzudenken wagt oder zurückzudenken, da käme ja die Ordnung in Gefahr. Der Antisemitismus ist ein Thema, bei dem, kaum ergreift man das Wort, es einem die Sprache verschlägt. Aber Ehrfurcht sollte nicht aus der Furcht hervorgehen, beim Lesen den Kopf zu gebrauchen.