Wir Deutschen ticken doch nicht richtig! Jahrzehntelang schämen wir uns auf Auslandsreisen, unsere wahre Herkunft preiszugeben, weil wir denken, dann spricht keiner mehr mit uns. Wir freuen uns über die Europäisierung, weil wir uns davon eine weiter gefasste Identität versprechen, und ziehen jede ausländische Küche, sogar die mexikanische, der heimischen vor. Über Dekaden pflegten wir sorgfältig unsere nationale Bescheidenheit und dann das. Ein urplötzlicher Sinneswandel, ausgelöst durch ein Supermodel, Kate Moss, das von dem Cover einer britischen Style-Bibel, ID, grinst: im Bundeswehrlook.

Schlagartig werden alle Vorbehalte über Bord geworfen. Vergessen sind Union Jack und Sternenbanner. Plötzlich will alle Welt Deutschland am Leibe tragen.

Auf einmal heißt es Flagge zeigen, und zwar direkt am Körper. Und die Modebranche reagiert. Die neue Kollektion des Berliner Labels Emulgator zum Beispiel heißt unmissverständlich Schwarz-Rot-Gold. Und in ebendieser berüchtigten Farbigkeit transportieren die jungen Designer deutsche Leitkultur auf Tanktops und Hotpants. Ebenfalls von inbrünstiger Deutschland-Liebe erfüllt ist seit neuestem Schmuckdesignerin Jette Joop.

Ihre aktuelle Klunkerkollektion heißt I love Germany und besteht zum Beispiel aus Ringen in Herzform, die in den Deutschland-Farben gehalten sind. Dabei bietet sich unsere Fahne wahrlich nicht für modische Höhenflüge an. Sie ist weder grafisch noch farblich der Gipfel der Kreativität. Aber sie hat etwas, das tausendmal wertvoller ist. Einen Rest von Provokationspotenzial. Wer Deutschland-Fahne trägt, ist entweder besonders fortschrittlich oder besonders vorgestrig. Nicht dass die Macher eine große Botschaft mit ihren Schöpfungen verknüpften, im Gegenteil. Emulgator-Chef Hugo hat letzte Saison noch mit Palästinensertüchern gespielt, bevor ihn die Strahlkraft der Deutschland-Fahne blendete. Er treibt die Sinnentlehrung politischer Symbole noch weiter. Und sagt: Ich finde es eigentlich ganz okay, wenn Leute morgens ein Ché-Guevara- und abends ein Schwarz-Rot-Gold-Shirt anhaben.

Wir können also aufatmen, manche werden auch enttäuscht sein. Wenn im Herbst auffallend viele Gestalten mit Deutschland-Schals, -Käppis und -Unterhosen herumlaufen, ist das kein Grund zur Beunruhigung. Es ist nicht etwa der neue Nationalismus ausgebrochen, sondern nur die große Beliebigkeit. Wer weiß, vielleicht ist das ja ein unerwarteter Schritt Richtung nationaler Entspannung.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD