Wenn auf allen britischen Fernsehkanälen ein gewisser Geoffrey Hurst zu sehen ist, kann das nur eins bedeuten: dass die englische Nationalmannschaft demnächst gegen Deutschland spielt. Polizei und Fußballfunktionäre werden nervös, und im Fernsehen erzählt Hurst davon, wie er gegen die Deutschen drei Tore erzielte, darunter auch jenes berühmte, das in die Fußballfolklore eingegangen ist, weil es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie der Ball sich zur Torlinie verhielt. Nach 35 Jahren hat Hurst, der in der Zwischenzeit zum Ritter geschlagen wurde, darüber nun wirklich nichts Neues mehr zu erzählen. Doch wenn es um Wembley 66 geht, werden die ansonsten so zynischen britischen Medien ganz nostalgisch. Das ist nicht weiter verwunderlich: Dank des damaligen Sieges konnten die Engländer wenigstens einmal den Welttitel in dem Sport erringen, den im 19. Jahrhundert die englische Oberschicht erfunden und an die working class weitergereicht hatte.

Ein gutes Jahrhundert lang war die Fußballwelt für die Engländer also in Ordnung. Sie wurden weithin als Lehrmeister akzeptiert, gegen den Deutschland stets den Kürzeren zog. 1938 zum Beispiel siegten sie im Berliner Olympiastadion mit 6 : 3, in Anwesenheit Adolf Hitlers, den auch die englische Elf mit dem Hitler-Gruß beehrte (eine Episode, an die man sich auf der Insel nicht gerne erinnert). Sogar im Dezember 1954, Deutschland war immerhin gerade Weltmeister geworden, gab es den gewohnten Sieg: 3 : 1 in Wembley.

Seit 1966 aber sollte ihnen nichts mehr gelingen. Bei Welt- wie Europameisterschaften stellten ihnen vor allem die Deutschen immer wieder ein Bein. Und sei es nur deshalb, weil deutsche Nationaltrainer bei allen sonstigen Mängeln genug Grips besaßen, ihre Spieler vorher Elfmeter üben zu lassen. In England hat man erst jetzt, unter dem Management des feinsinnig-intellektuellen Schweden Sven Goran Eriksson, eine solch profane Übung ins Trainingsprogramm aufgenommen. Der Schwede versteht sich darüber hinaus auf psychologische Kriegsführung und erzählt Anekdoten über das übersteigerte Selbstbewusstsein der Deutschen herum: dass der DFB bei der Terminplanung den Gruppensieg und damit den Erfolg über England am Samstag in München bereits einkalkuliert hat - typisch deutsche Arroganz.

Die Anhänger von Ingerland, wie sie ihr Land gerne nennen, reagieren auf so was sensibel. Schließlich leiden sie schon seit vielen Jahren unter der notorischen Erfolglosigkeit ihres Teams. Das verleitet leicht zu übersteigerten Erwartungen. Vereinzelte Lichtblicke, etwa Flankengott David Beckham oder das quecksilbrige Stürmertalent Michael Owen, werden voreilig als Boten einer Fußballrenaissance gedeutet, umso herber dann die Enttäuschung. Im vergangenen Jahr führte die 0 : 1-Niederlage gegen Deutschland im WM-Qualifikationsspiel zum abrupten Abgang von Kevin Keegan

im Job des Teamchefs war er zunächst als Retter begrüßt worden.

Die lange Zeit des Darbens kompensieren die englischen Fans auf andere Weise, zum Beispiel durch das Absingen unflätiger Lieder. Am Samstag wird im Olympiastadion ganz sicher wieder der Slogan Two world wars and one World Cup herausgeschmettert, denn einer Erfolgsbilanz, in der Kriege und Fußballschlachten aufs innigste verschmelzen, kann Deutschland nun mal nichts Gleichwertiges entgegensetzen.

Vor einem Jahr, beim Hinspiel in London, wurden die englischen Fans noch deutlicher. Sie erhoben sich von den Sitzen, wandten sich in Richtung der Tribüne, auf der die deutschen Anhänger saßen, und skandierten: Stand up, who won the war. Was der deutsche Zuschauerblock mit einem Blitzlichtfeuer beantwortete. Schließlich bekommt man nicht alle Tage Tausende junger Männer vor die Linse, die ihre Arme zum Hitler-Gruß hochrecken.