Horst Sieberts Arbeit ist vergeblich. Er gibt Interviews, schreibt Analysen und Bücher, darf sich als Mitglied des Sachverständigenrates sogar Kanzlerberater nennen - und doch wird sein Rat meist überhört. Zuweilen hat er den Eindruck, dass "sich die Politik die Ohren mit Oropax zugestopft hätte". Sieberts Erkenntnis: Die deutsche Wirtschaftspolitik ist geprägt durch verfehlte Anreize. Zu oft wird ein Gesetz erlassen in der Annahme, etwas Gutes zu tun. Das Ergebnis nennt Siebert den "Kobra-Effekt" in Anlehnung an eine Entscheidung der englischen Kolonialverwaltung in Indien.

Damals gab es zu viele Kobras. Deshalb setzte der Gouverneur für jeden abgelieferten Schlangenkopf eine Prämie aus. Was taten die Inder? Sie züchteten Kobras, um die Prämie zu kassieren. Ähnlich verhalten sich die Deutschen, wenn sie in die Schattenwirtschaft abtauchen, weil die Steuerbelastung zu hoch ist.

Der Kobra-Effekt ist eine Fibel für Wirtschaftslaien. Fachbegriffe führt Siebert behutsam ein

statt Wirtschaftstheoretiker zu bemühen, zitiert er Oscar Wilde und Bertolt Brecht. Sieberts Gedanken sind so klar und eindringlich, dass sich der Leser fragt, warum seine Ideen nicht längst umgesetzt sind.

Siebert kritisiert Schröders Feuerwehreinsätze, etwa in der Holzmann-Krise.

Dahinter steckt die Idee einer "Knopfdruckökonomie", mit der Schröder den Macher hervorkehrt, aber nur seine Konzeptionslosigkeit verbirgt. Auch die Gewerkschaften werden gerügt. Wozu es Flächentarifverträge gebe, fragt sich Siebert. Schließlich werde auch "genügend Brot angeboten, ohne Brotvertragsparteien und ohne ein Bündnis für Brot".

Bisher ließen sich die wirtschaftspolitischen Versäumnisse fast unbemerkt von Generation zu Generation weitergeben. Inzwischen sind die ersten Zeitbomben entdeckt, zum Beispiel die Beamtenpensionen. Auch die Rentenreform müsse nachgebessert werden, weil die Einnahmen überschätzt werden.