Es gibt Leute, die in ihrem Leben nichts anderes gelernt haben, als vom Sozialamt ihre Unterstützung abzuholen. Genauso gibt es Leute, die Steuern hinterziehen. Ich will, dass solches Verhalten zukünftig geächtet wird." Es spricht: ein Sozialdemokrat. Harald Schartau, Arbeits- und Sozialminister in Nordrhein-Westfalen und früher Gewerkschaftsfunktionär, ist ein Freund deutlicher Worte. Noch vor dem Kanzlersatz, es gebe kein Recht auf Faulheit, äußerte sich Schartau drastisch, beließ es jedoch nicht bei Worten: In Nordrhein-Westfalen ist der Umbau des Sozialhilfesystems in vollem Gange. Ein wesentlicher Punkt: die Gründung von "Sozialagenturen", bei denen Bedürftige vielerlei Hilfe bekommen - von der Arbeitsvermittlung über Sozialhilfeschecks, Sucht- und Drogenberatung bis zur Familienberatung, dies alles unter einem Dach.

In Köln zeigt sich, dass sich der Wind gedreht hat. Wer 18 bis 25 Jahre alt ist, bekommt hier vom Sozialamt keinen Pfennig - sondern wird gleich weitergereicht zur Jobbörse Junges Köln, einem gemeinsamen Projekt von Stadt und Arbeitsamt. Von hier aus geht niemand ohne ein Vermittlungsangebot nach Hause. Die Sozialagentur vermittelt die jungen Erwachsenen zunächst in kommunale Werkstätten (Projekt Sprungbrett), in denen sie beispielsweise Computermonitore zerlegen. Gleichzeitig kümmern sich Sozialarbeiter um Problemkinder. Drogenmissbrauch, Räumungsklagen, unbezahlte Handyrechnungen über mehrere tausend Mark sind die üblichen Schwierigkeiten. Diese Sorgen verhindern oft den Einstieg in ein geregeltes Berufsleben. Als bezahlte Arbeitszeit gilt daher auch "Arbeit an sich selbst", betont Gudrun Kirch, Koordinatorin der Jobbörse. Die Mitarbeiter der Sozialagentur sehen sich als "Fall-Manager", die einen Jugendlichen rundherum betreuen. In Köln sind 300 junge Arbeitslose in sieben Einrichtungen des Projektes Sprungbrett untergekommen. Jeder erhält für seinen Arbeitseinsatz 850 Mark netto im Monat. An Sozialhilfe müsste die Stadt zwar nur 550 Mark zahlen, aber dennoch geht die Rechnung auf: Denn fast jeder zweite junge Sozialhilfeempfänger findet innerhalb weniger Monate einen Ausbildungsplatz und entlastet damit die Stadtkasse.

Für die Kommunen ist dies dringend nötig. Allein wegen der Anhebung der Sozialhilfe-Regelsätze am 1. Juli müssen die Kämmerer Nordrhein-Westfalens rund 70 Millionen Mark mehr ausgeben. In ganz Nordrhein-Westfalen gibt es 690 000 Sozialhilfeempfänger, die 5,1 Milliarden Mark pro Jahr aus den Kassen der Kommunen erhalten. Das sind zwar 15 Prozent weniger als noch vor fünf Jahren, doch bei der Sozialhilfequote, dem Anteil der Sozialhilfeempfänger an der Gesamtbevölkerung, liegt Nordrhein-Westfalen mit 3,6 Prozent noch leicht über dem Bundesdurchschnitt von 3,3 Prozent.

Schartau will auch diese Marke unterschreiten: Die Sozialagenturen sollen auf lange Sicht die Sozialämter komplett ersetzen. Das Arbeitsministerium qualifiziert die Mitarbeiter in Lehrgängen und wertet die Ergebnisse wissenschaftlich aus. Zunächst sollen zehn Agenturen entstehen, aus 36 Kommunen liegen Bewerbungen vor. Doch Schartau erwartet Druck aus der eigenen Partei: Statt Sozialleistungen zurückzunehmen, heißt es dort, seien Niedriglöhne zu erhöhen, damit mehr Anreiz zum Arbeiten geschaffen werde.