Entdeckerfreude und Risikolust müssen schon groß sein, um den vertrauten Kanon der klassischen Moderne zu verlassen und einen fast unbekannten Künstler vorzustellen. Das Münchner Haus der Kunst hatte beides, als es sich entschloss, in einer umfangreichen Ausstellung und mit einem dicken Katalog den ungarischen Maler und Bildhauer Hans Mattis-Teutsch zu zeigen (1884 bis 1960) und dabei die Zeitgenossenschaft zu den Künstlern des Blauen Reiters ins Spiel zu bringen. Konkrete Begegnungen von Mattis-Teutsch mit Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc oder August Macke sind nämlich nicht zu belegen, aber die Arbeiten des in Siebenbürgen Geborenen zeugen von enger Geistesverwandtschaft. Dass die gemeinsamen Wurzeln bei Matisse, Gauguin und den Nabis entscheidender sind als eine direkte Verbindung zu den Münchnern, schreibt Ausstellungskurator Hubertus Gaßner im Katalog, was dem Fund, den er vorstellt, keinen Abbruch tut.

Der Holzschnitzer aus dem östlichen Mitteleuropa kam acht Jahre vor der Gründung des Blauen Reiters nach München, wo er von 1903 bis 1905 an der Akademie klassische Bildhauerei studierte, 1909 aber nach Ungarn zurückkehrte. Nach einem Budapester Intermezzo lebte und lehrte er vorwiegend bis zu seinem Tod 1960 im heimatlichen Kronstadt (Brasov), das 1922 an Rumänien fiel. Zum Maler scheint Mattis-Teutsch sich erst in Paris (1905 bis 1908) entwickelt zu haben. Frühe Aquarelle und Ölbilder zeigen sanfte Landschaften in hellem Grün und Gold, von Bäumen akzentuiert, die in ihrer Biegsamkeit mehr als nur vegetabiles Leben haben. Sie sind aus dem gleichen Stoff wie die gelegentlich hingekauerten menschlichen Figuren und traumverlorenen Paare. Nach dem Ersten Weltkrieg findet Mattis-Teutsch in den meist Komposition betitelten Arbeiten fast zur Abstraktion, aber Organisches und Naturformen schimmern immer wieder durch. Und in den Farbsegmenten zeigen die weich gerundeten, entrückten menschlichen Leiber eine Überhöhung der Natur, die in Franz Marcs Feier des Tieres eine Parallele hat.

Die Farbglut des Blauen Reiters leuchtet in dieser fruchtbarsten Zeit von Teutschs Schaffen auf. Gaßner hat sehr sparsam einige Beispiele von Kandinsky, Münter, Marc und Jawlensky in das breite Panorama von Mattis-Teutschs Arbeiten integriert, die in dieser Nachbarschaft ihre Eigenständigkeit erstaunlich gut behaupten. Nach 1925 gibt Teutsch die lyrisch gerundeten Formen seiner spirituellen Seelenblumenmalerei auf und erfindet den hoch aufgerichteten, selbstbewussten Gesellschaftsmenschen.

Langbeinige, überschlanke Art-déco-Figuren agieren vor konstruktivistischen Farbflächen. Eine sportliche Jugend wird zum Wunschbild einer idealen sozialistischen Ordnung. Einige dieser Öl- und Temperamalereien sind als Entwürfe für Wandbilder gedacht, für die er nie einen Auftrag erhielt.

Parallel dazu entstehen Silhouettenfiguren aus dunkel poliertem Holz oder Aluminium, die den gleichen neuen Menschentypus verkörpern. Eine ganze Phalanx dieser Statuetten ist in der Ausstellung den Bildern konfrontiert.

Vor dem Zweiten Weltkrieg verhärten sich die politischen Fronten

dem Künstler wird der Reisepass verweigert. Mit seinem Elan ist es vorbei. Von den Bildern, die nach 1945 entstanden sind, zeigt die Ausstellung nur noch zwei Beispiele einer realistischen Figurenmalerei. Der Katalog ist ein Handbuch zu Mattis-Teutsch und einer komplizierten Existenz mehrerer Identitäten. Ein Fall, der für viele andere steht.