Ein dumpfer Knall, ein lautes Krachen in der Nacht, 2500 Open-air-Kinobesucher zucken für einen Moment zusammen. Dann gehen zum Glück im Himmel die Sterne auf und jagen bunt auseinander. Ein Feuerwerk ist etwas Fantastisches, fast jederzeit, fast überall, nur vielleicht noch immer nicht hier, in Sarajevo. Seit dem Ende des Bosnienkrieges sind zwar schon sechs Jahre vergangen, aber die Erinnerungen an die Zeit der Belagerung lassen sich nicht so leicht verputzen wie manches beschossene Haus in der Innenstadt.

Gerade bricht die Erinnerung wieder stückweise hervor. Denn zur Eröffnung des 7. Sarajevo Filmfestivals wird Danis Tanovics No Man's Land gezeigt, ein Werk, das zurückkehrt in den Krieg. Es gibt viel Applaus, das Team wird bejubelt, dann knallt es: das Feuerwerk. Wohl der falsche Effekt zur falschen Zeit. Oder ist man nur selbst überempfindlich, als Besucher von außerhalb, während Sarajevos Bewohner den Böllern gelassen gegenüberstehen? Dem Regisseur passt es aber auch nicht. Allerdings lebt der Bosnier Tanovic selbst seit Kriegsende außerhalb seines Heimatlandes, momentan in Paris. Dort hat er No Man's Land zügig finanziert bekommen. Vom bosnischen Staat wollte er keine Fördermittel. "Ich hätte nicht einmal zu fragen gewagt. Im Land wird das Geld für wichtigere Dinge gebraucht."

In Mazedonien beginnt gerade die Operation "Essential Harvest", in Bosnien-Herzegowina werden die Felder längst wieder neu bestellt, wenn auch weiter unter Aufsicht. Das Filmfestival findet nicht mehr im Ausnahmezustand statt wie in seinen Anfangsjahren. Aber der Krieg geistert noch immer durchs Programm. In No Man's Land stecken ein Bosnier und ein Serbe im Schützengraben zwischen den Linien fest. Sie bedrohen und beschimpfen einander und wollen einander trotzdem nicht töten. Die Blauhelme rotieren - hilflos

die Presse hält drauf - hysterisch. Am Ende wird die Meute ruhig gestellt, während ein Mann allein auf einer Mine zurückbleibt. Bei der nächsten Bewegung wird sie explodieren.

Danis Tanovic hat aus den endlosen Wirren von damals eine geradezu klassische Konfrontation herauspräpariert, sehr vorsichtig und intelligent. Der Krieg: ein Dilemma, eine Tragödie. Erst im Gespräch mit Tanovic wird deutlich, wie sehr das nur seine halbe Wahrheit ist, wie sehr er die Uno noch immer für ihre furchtbare Unentschlossenheit hasst und die Serben dafür, dass sie sich bis heute nicht zur Schuld bekennen. "Ich wollte aber keinen Film für den Moment machen - keinen Film aus Hass." Tanovic war selbst zwei Jahre im Krieg, als Kameramann, und mit trockener Bitterkeit hält er nun einen Stausee von Erinnerungen zurück, den er für die Dauer eines Festivalgesprächs lieber nicht auf sein Gegenüber herabfluten lassen möchte.

Das historisch-kritische Großwerk, den Film zur Belagerung der Hauptstadt, gibt es bisher nicht. Vielleicht ist es besser so. In der einzigen genuin bosnischen Spielfilmproduktion des letzten Jahres, Faruk Sokolovics überturbulentem Drama Milchstraße, sagt jemand: "Im Moment lässt sich kein guter Kriegsfilm machen. Mit dem Krieg ist es wie mit dem Wein: Je älter, desto besser. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. So lange halte ich mich an Casablanca." In Milchstraße wollen zwei Familien aus Sarajevo nach Neuseeland auswandern. Warum? "Um zurückkommen zu können." Da ist sie wieder, die Frage nach dem richtigen Abstand und der falschen Nähe, die sich beim Festival nicht nur Filmemacher stellen, sondern auch ausländische Besucher.

Den Gästen werden Touren zu den ehemaligen Frontlinien rund um die Stadt angeboten und zum Tunnel am Flughafen. Wird damit ein Andenken bewahrt oder eher ein Kitzel bedient? Die Schrecken der Belagerung kann man vielerorts aufspüren