Das, was heute in Deutschland geschieht, die Vernichtung der Freiheit, die Verfolgung der regierungsfeindlichen Parteien, die grausame und schmachvolle Ächtung der Juden, entfacht die Empörung der Welt und meine eigene ... Ich bin der Überzeugung, daß eine solche Politik Deutschland in den Augen von Millionen Menschen aller Länder zugrunde richtet

sie ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Romain Rolland hatte sich keinen Augenblick blenden lassen, er kannte kein Zögern. In unmissverständlichen Worten lehnte er die Annahme der Goethe-Medaille ab, die ihm die Nationalsozialisten für das Jahr 1933 zugedacht hatten. Dabei war der damals neben Gide und Claudel wohl berühmteste französische Schriftsteller ein Verehrer Goethes, ein Bewunderer deutscher Kultur. Mit seinem zehnbändigen Entwicklungsroman Jean-Christophe, der in den Jahren 1904 bis 1912 entstand und in dem Rolland eine dauerhafte deutsch-französische Freundschaft beschwor, und mit seinen Schriften über Goethe und Beethoven hatte er seine Liebe zum Nachbarland bekannt und zugleich in seiner Heimat den Argwohn der Chauvinisten erregt. Umso größer war der Anreiz für die neuen deutschen Machthaber, diesen prominenten Weltbürger auf ihre Seite zu ziehen. Doch der plumpe Umarmungsversuch misslang kläglich.

Bis die leise Stimme des asketisch wirkenden Mannes europaweit zu hören war, hatte es allerdings viel Zeit gebraucht. Rolland war wahrlich nicht der geborene Kämpfer, keine Kraftnatur wie seine großen Vorgänger Victor Hugo und Émile Zola. 1866 im burgundischen Clamecy als Sohn eines Notars zur Welt gekommen, kränkelt er seit frühester Kindheit und ist als Junge, wie er rückblickend in seinem Tagebuch schrieb, "alles andere als ein Held. Ich fürchtete den Schmerz, fürchtete mich vor dem Kampf, der mich in meiner Kränklichkeit einer Welt ausliefern würde, deren brutales Ungeheuergelächter durch die Fenster meines Gefängnisses tönte."

Das "Gefängnis" ist die überfürsorgliche Liebe seiner Mutter, die nach dem frühen Tod einer Tochter sich und ihren Sohn "in ein einsames und bewaffnetes Verlies des Glaubens" einschließt. In dieser Einsamkeit, ohne den Umgang mit Gleichaltrigen, vertieft sich Rolland in die Welt der Bücher und der Musik.

Ihn faszinieren die "weltschöpferischen Menschen", wie er sie später nannte, vor allem Shakespeare, Beethoven und Wagner. Mit Leo Tolstoj, den er lange Zeit besonders verehrte, knüpfte er als junger Mann eine Korrespondenz an, fühlte sich allerdings bald irritiert durch dessen Belehrung, Beethoven sei "ein Verführer zur Sinnlichkeit" und Shakespeare "ein Dichter vierten Ranges".

Im Herbst 1880 zieht die Familie nach Paris, um dem begabten Sohn eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Der Vater nimmt eine untergeordnete Stellung bei einer Bank an. Rolland besucht die École Normale Supérieure, wo er unter anderem Rhetorik und Philosophie studiert und sich außerdem intensiv mit der Musik beschäftigt. Anschließend erhält der 23-Jährige ein archäologisches Forschungsstipendium für Rom. In den Archiven des Vatikans findet er nicht nur Material für eine geplante Arbeit über den päpstlichen Nuntius Salviati aus dem 16. Jahrhundert, sondern entdeckt zu seiner Begeisterung auch verschollen geglaubte Kompositionen von Claudio Monteverdi.