Wie verändert sich jemand, der nicht weiß, wer er ist? Die Stadt, ein Gedicht des griechischen Poeten Konstantinos Kavafis, hat der ägyptische Filmemacher Yousry Nasrallah seinem Film El Medina vorangestellt: "Du findest keine neuen Länder, du findest keine neuen Ufer. / Die Stadt wird dir folgen", heißt es darin. So fatalistisch wie Kavafis Poem endet El Medina nicht. Aber zu sich kommen kann Nasrallahs Held Ali, der zwischen Tradition und Moderne stellvertretend für die arabische Welt keinen Platz findet, erst, als er sich selbst verliert. In Kairo, wo die Zukunft Mangelware ist, soll Ali im Gemüseladen des Vaters arbeiten. Der 30-Jährige träumt davon, Schauspieler zu werden, und flüchtet vor den Ansprüchen seiner Familie nach Paris. Doch Paris ist in Nasrallahs Film nur eine Chiffre für Verlorenheit und Identitätsverlust, ein Exil der Seele. Ali wird Schauspieler, aber lediglich im Boxring. Als er sich weigert, in abgekarteten Kämpfen weiterhin den Verlierer zu mimen, wird er von seinen mafiosen Arbeitgebern überfahren. Ohne Geld, seiner Papiere beraubt wie seines Gedächtnisses, kehrt Ali nach langer Odyssee heim. Endlich ist er der Sohn, den seine Eltern sich wünschen, ein formbares Geschöpf, das Sprechen lernt, indem es ihre Hoffnungen nachbuchstabiert. Die schöne Nadia bringt Ali bei, dass er sie, und nur sie, geliebt habe. Wäre da nicht die Ausschließlichkeit dieser Liebe, vielleicht wäre sie sogar wahr. Die Amnesie ist in diesem Film, der magisches Denken und Psychoanalyse in symbolmächtigen Bildern vereint, ein Zustand der Menschwerdung, die Erinnerung eine zweite Geburt. Ali entdeckt, wer er ist: ein Schauspieler, der sich selbst spielen muss. Seine Selbsterforschung erweist sich als Identitätssuche des ägyptischen Films. Am Ende offenbart sich Ali als Hauptdarsteller eines Films, der von Ali in den Städten handelt.

Das neue Ufer, an dem er landet, ist Nasrallahs Film.