I can't believe it. 782 dollars!" Lawanda Henry will nicht glauben, dass der Schuldeneintreiber so viel Geld von ihr verlangt. 782 Dollar für die Telefonrechnung aus der Zeit, als sie mit ihrer Schwester in einem Apartment wohnte. "Diese Rechnung habe ich ihr zu verdanken." Die 20-Jährige knüllt das Papier zusammen. "Erst muss ich mein Leben wieder auf die Reihe kriegen, dann zahle ich die Rechnung."

Ihr Leben wieder auf die Reihe kriegen - da hat sich Lawanda aus Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin eine ganze Menge vorgenommen. Stets endete sie in neuer Abhängigkeit vom Sozialsystem. Die Wohngemeinschaft mit der Schwester wurde zum finanziellen Desaster. Jetzt ist sie mit der zweijährigen Tochter und dem vierjährigen Sohn bei einer Tante untergekommen. Ihren Job bei einer Fast-Food-Kette hat sie hingeworfen, weil der Manager "fies" gewesen sei und der Lohn niedrig. "230 Dollar alle zwei Wochen, davon kann ich meine Kinder nicht ernähren." Jetzt lebt sie nur noch von Lebensmittelkarten, die der Staat zahlt.

"Kopf hoch, sister!", ruft die Schicksalsgenossin Kealicia Clark ihr zu, "das wird schon wieder." Es ist vier Uhr am Nachmittag, und der Unterricht im Klassenraum von YW Works, einer Sozialhilfeagentur in Milwaukees Schwarzenviertel, endet. Sechs Stunden lang haben sie sich an diesem Tag Vorträge angehört über Benimmregeln für Vorstellungsgespräche und darüber, wie man sein Geld einteilt - das Einmaleins für Menschen, die keine Ausbildung haben, aber einen Job brauchen.

Ihre Hoffnungen richten sich auf das Projekt Wisconsin Works. Und wenn es nach den Statistiken geht, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass Lawanda und Kealicia wenigstens einen Teil ihrer Träume verwirklichen können, die sie auf Collagen an der Wand des Klassenzimmers festgehalten haben. Denn seit der ehemalige Governeur des Staates, Thommy Thompson, 1997 die Reformen auf den Weg brachte, ist die Zahl derer, die Sozialhilfe vom Staat erhalten, um 80 Prozent gefallen: von 34 900 Haushalten 1997 auf rund 7000 in diesem Jahr (siehe Grafik auf dieser Seite). Diese Zahl verheißt für die Anhänger des Wisconsin-Modells eine massenhafte Überwindung der Bedürftigkeit.

Aus diesem Grund ist in dieser Woche der Sozialausschuss des hessischen Landtags in Wisconsin unterwegs. Mit der neuen hessischen Sozialministerin an der Spitze wollen die Politiker in Amerika das Siegen lernen - auf einem Gebiet, wo Niederlagen die Regel sind. Angetrieben vom Credo des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der den Druck auf arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger drastisch erhöhen will, versucht die Delegation schlüssige Antworten auf drängende Fragen zu finden: Wie schnell lassen sich Menschen, die seit Jahren von der Stütze leben, in Jobs bringen? Und mit welchen Mitteln? Taugt Wisconsin als Lösungsmodell für deutsche Probleme?

Die Regeln von Wisconsin Works, dessen Abkürzung identisch ist mit der Bezeichnung für ein Einkommensteuerformular (W 2), sind einfach: Nur der Sozialhilfeempfänger, der arbeitet, hat Hilfe zu erwarten. Viel radikaler ist das als in Deutschland, wo das Bundessozialhilfegesetz in vorsichtigen Worten erlaubt, dass die Stütze gekürzt werden kann, wenn zumutbare Arbeit abgelehnt wird. Wer nicht arbeiten kann, weil ihm Erfahrung oder Ausbildung fehlen, für den sieht das Modell Wisconsin Training in Jobcentern oder privaten Agenturen wie YW Works vor. Viele holen hier den Highschool-Abschluss nach.

Anschließend stehen community service jobs bereit, einfache Arbeiten für die Allgemeinheit - 673 Dollar Sozialhilfe gibt es dann vom Staat, unabhängig von der Zahl der Kinder.