Das Klingeln des Telefons durchschnitt die Stille. Hier ist die Kriminalpolizei Köln. Ihre Eltern Karl und Christa Lehmann sind vor einer Woche in einem Hotel tot aufgefunden worden. Sie haben gemeinsam Suizid verübt. Die Sätze bohrten sich durch den Körper der Tochter. Computermonitor und Tastatur auf dem Schreibtisch wuchsen und rückten bedrohlich auf sie zu.

Das Zimmer kippte. Ihr Kopf war ein schwarzer Ball, der gegen die Wände stieß. Jetzt hatten sie es also doch getan.

Fast vier Jahre sind seitdem vergangen. Die Akten sind studiert, die Orte besichtigt, die Menschen, die sie zuletzt gesehen haben, befragt. Doch die Rekonstruktion des gemeinsamen Freitodes der Eltern bleibt Stückwerk, nur die Tochter führt das Gespräch zwischen den Toten und Lebenden. Wenigstens im Traum sind sie ihr ständig vor Augen. Lebendig, jung, fast heitere Rückkehrer aus dem Tod, den sie ihr selbstbewusst als Täuschungsmanöver verkaufen, wenn sie sie in wütenden Traumtiraden der Rücksichtslosigkeit bezichtigt.

Rücksichtslosigkeit vor allem ihr gegenüber, dem einzigen Kind.

Vielleicht war es ja so: Zum Schluss waren sie nur noch Getriebene, beherrscht von ein paar manisch repetierten Worten, die gegen die Schädeldecken hämmerten: Finanzielle Not, der Gang zum Sozialamt droht, für einen Neubeginn zu alt. Der Entschluss stand seit Wochen fest, der Termin war gesetzt, die Zeituhr tickte. Bloß nicht nachdenken. Alles durchplanen.

Das Leben ist verpfuscht, dann wird wenigstens der Abgang perfekt organisiert. Und viel war zu tun: Ein Auktionator wurde bestellt, die Wohnung gekündigt, der geleaste Audi zum Händler zurückgebracht. Wir gehen auf eine lange Reise. Ordnung muss sein. Die Wohnung wurde geputzt, sodass die zeitlebens vergötterten Dinge ein letztes Mal über die Lebenden triumphierten in all ihrem Glanz.

Wie war wohl ihr letzter Tag? Die üblichen morgendlichen Rituale: gemeinsames Frühstück im Bett, Zeitungslektüre, Ankleiden. Wir haben alles im Griff. Der Blick der Mutter streift den Spiegel: Das feine graue Haar sitzt heute nicht wie sonst, egal. Sie ist die treibende Kraft, sie gibt die Befehle, der Vater gehorcht, wie immer in 44 Jahren Ehe. In dem Abschiedsbrief an eine Notarin trifft sie die letzten Verfügungen: Man möge ihre Urnen im Familiengrab in Thüringen beisetzen, bei der Beerdigung solle nur der Pfarrer anwesend sein.