die zeit: Als Minister haben Sie einst den "Vorrang für die Selbstverwaltung" gefordert - war das ein Fehler ?

Horst Seehofer: Nein. Es ist richtig, dass die Beteiligten im Gesundheitswesen sich selbst verwalten. Die Alternativen - Markt pur oder staatliche Aufsicht - überzeugen mich nicht. Aber eine Selbstverwaltung muss pluralistisch und dezentral sein. Und dazu müssen wir die Quasikartelle auf beiden Seiten der Selbstverwaltung zerschlagen.

zeit: Wollen Sie das Verhandlungsmonopol der Ärztevereinigungen abschaffen ?

Seehofer: Ja. Die Kassen müssen die Möglichkeit erhalten, mit einzelnen qualitätsorientierten Ärzten Verträge zu schließen. Andererseits müssen die Ärzte frei sein, mit Kassen ihrer Wahl zu arbeiten. Wichtig ist, dass diese Verträge in den Regionen und nicht bundeseinheitlich ausgehandelt werden.

Damit der Patient stärker mitentscheiden kann, muss er besser informiert werden. Kliniken und Ärzte sollten deshalb verpflichtet werden, über ihre Qualifikation und Leistungsabrechnung Auskunft zu erteilen, und sie müssen für ihre Leistungen werben dürfen.

zeit: Warum sollte in Ihrem Wettbewerbsmodell eine Krankenkasse für teure Patienten wie Bluter oder HIV-Kranke noch Programme anbieten?

Seehofer: Weil auch Qualitätsbewusstsein und Kundennähe wichtige Wettbewerbsfaktoren sind. Es ist doch eine Bankrotterklärung für die gesetzliche Krankenversicherung, dass sie bisher - trotz ihrer Rolle als Anwalt der Versicherten - das Management solcher Krankheiten überhaupt nicht in den Blick genommen hat. Es ist übrigens eine reine Schutzbehauptung, dass der Wettbewerb an der Vernachlässigung der chronisch Kranken schuld sein soll. Um diese Patienten hätten die Kassen sich schon viel früher gezielt kümmern können. Wir brauchen ein anderes Bewusstsein bei den Kassen.