Die Seniorenstudenten sind in München eigentlich fest in ein Seniorenprogramm eingebunden. Tatsache ist, dass sie sich zum größten Teil überhaupt nicht an dieses Programm halten, sondern sich als Schwarzhörer in jede x-beliebige Vorlesung setzen - mit den von Ihnen so vortrefflich beschriebenen Effekten. Die "eigentlichen" Studenten können sich in die hinteren Reihen hocken, und die vorne "platzierten" Hörgeräte der Seniorenstudenten treiben bei zu großer Nähe zum Mikrofon lustige Rückkopplungsspielchen.

Es ist nach der Vorlesung völlig aussichtslos, ein Gespräch mit dem Professor zu suchen, da dieser schon restlos umlagert ist mit seinen in die Jahre gekommenen Anhängern, die dessen wiederholte Vorlesung seit unzähligen Semestern hören. Für so manchen Professor sind sie die liebsten Zuhörer: Man kennt sich, und es werden keine unangenehmen Fragen gestellt.

Dr. Wolfgang Baum München

Die Wirklichkeit, Frau Etzold, sieht ganz anders aus. Ich habe nach meiner Pensionierung ein ordentliches Magisterstudium der Sinologie begonnen. Im vergangenen Jahr konnte ich (im 6. Semester) - gemeinsam mit fünf jüngeren Kollegen - die so genannte Zwischenprüfung ablegen. Zu keiner Zeit hat man mich spüren lassen, dass ich gewissermaßen "außer Konkurrenz" dabei war. Was vielleicht damit zu tun gehabt hat, dass beide, die Jüngeren und der Senior, sich nichts geschenkt haben - die Sinologie gehört nicht gerade zu den leichten Fächern.

Ich habe nirgendwo Bevorzugung oder gar Schonung vonseiten der Dozenten erfahren. Am allerwenigsten aber den stillen oder offenen Vorwurf von irgendeiner Seite, der Senior stehle Jüngeren ihren Platz.

Und wenn Sie uns Senioren noch so gern nach Mallorca schicken möchten, Frau Etzold, damit wir dort, selbstverständlich nur im Winter, wenn wir die Touristen nicht stören, in der "Dämmerung des Lebensabends" mit der Tageszeitung von gestern unterm Arm - und am besten natürlich voller Schuldgefühle über unser unproduktives Rentnerdasein - auf unser Ende warten: Wir lachen Ihnen etwas und hocken uns lieber zu denen hinein, die genau wie wir dankbar dafür sind, in einem Land und mit Gesetzen leben z u dürfen, wo die Freiheit der Bildung ein Recht ist, das uns (bislang jedenfalls) niemand streitig machen kann.

Dr. Werner Lühmann, Bosau