Was denkt ein Minensucher, der sich über ein dicht vermintes Feld bewegt?

Vermutlich wäre er am liebsten ganz leicht. Leicht und flink wie eine Ratte.

Eine Szene wie diese mag Ron Verhagen vor Augen gehabt haben, als ihm die Idee kam, Ratten zur Minensuche abzurichten. Derzeit testet der Verhaltensforscher von der Universität Brüssel mit seinen Kollegen, ob sich Afrikanische Hamsterratten als Biodetektoren auf einem Minenfeld eignen.

Schon seit vier Jahren üben die Wissenschaftler mit den Nagern im Labor. Und jetzt, glaubt Verhagen, seien die Tiere reif für die Bewährungsprobe auf Minenfeldern in Afrika. So ist er mit Team und Tieren umgesiedelt in die Sokoine University of Agriculture in Tansania. Dort wollen sie ins Gelände ziehen. Auf dem Feld sollen die Ratten verdächtige Stellen markieren, indem sie im Boden scharren.

Obwohl weltweit zahlreiche Räumkommandos unterwegs sind, töten und verstümmeln Landminen immer noch bis zu 30 000 Menschen im Jahr. Mit Metalldetektoren kämpfen sich die Räumtrupps zentimeterweise durch Gelände, durch dichte Büsche und dorniges Gestrüpp. Die mühselige Entschärfung ist angesichts der 80 bis 120 Millionen Landminen, die das Internationale Komitee vom Roten Kreuz auf Kriegsschauplätzen wie dem Kosovo, in Bosnien, Angola, Mosambik, Afghanistan und Kambodscha vermutet, eine aussichtslos erscheinende Aufgabe.

Bewährt hat sich seit Jahrzehnten die Kombination von Tier und Technik. Feine Hundenasen spüren den Sprengstoff einer Mine auf, Detektoren das Metall. Auch Verhagens Ratten sind auf den TNT-Geruch dressiert. Die belgischen Forscher trainieren ihre Tiere in kleinen Boxen, in die TNT-haltige Luftproben geblasen werden. Mit Belohnungen wie Bananen oder Avocados bringen sie die Nager dazu, einen Hebel zu drücken, sobald diese den Sprengstoff wittern. Die rund 80 Versuchstiere könnten geringere Mengen Sprengstoff erschnüffeln als die meisten anderen "Biosensoren", lobt Verhagen seine Ratten. Sie eigneten sich auch aus anderen Gründen: "Sie sind zu leicht, um eine Mine auszulösen, und lernen außerdem schneller als Hunde." Minenhunde brauchen knapp ein Jahr Lehrzeit, Ratten nur vier Monate. Außerdem be gnügen sie sich mit wenig Futter und sind daher billiger als ihre Kollegen.

Die Geschichte von Tieren als Minensucher ist lang, deren Karrieren in den meisten Fällen kurz. Die Arbeit mit ihnen funktioniert stets nach zwei Prinzipien: Entweder sollen sie Minen direkt aufspüren oder vor einem verseuchten Gebiet warnen. US-Forscher trainierten in den siebziger Jahren sogar Kakerlaken: Sobald sie das stark riechende TNT witterten, sollten sie in Kunststoffröhrchen auf und ab trippeln. Doch wie unterscheidet man, ob eine Kakerlake aus Angst trippelt oder weil sie Sprengstoff schnüffelt? Das Projekt wurde abgebrochen.