Es liegt etwas Funkelndes, etwas grell oder auch kokett Provokantes über meines Freundes Fritz J. Raddatz' Lebensart und Schreibstil. Zumal dann, wenn er sich moralisch-ästhetisch im Recht fühlt. So hatte er im vergangenen Dezember die höchst vernünftige Idee, einmal darzustellen, dass zwar nach wie vor heftig um die Reform der Rechtschreibung gekämpft werde, dass aber währenddessen in unseren Medien die schlichte Richtigschreibung verloren gehe. In der ZEIT vom 14. Dezember 2000 präsentiert Raddatz haarsträubende, belustigende Beispiele fürs mediale Kauderwelsch. Folgendermaßen schlägt Raddatz zu, wenn er sich die Publizistik vornimmt: "Bei den Druckerzeugnissen hat der zum Gespött am Montag herunterredigierte Spiegel die Nase vorn: Seinen Informationswert kann man an der Meldung messen, Hildegard Knef habe in ihrem Roman Der geschenkte Gaul ihre Krebskrankheit verarbeitet - seine Stilkünste an der Mitteilung, Time Warner sei der ,weltgrößte Medienkonzern der Welt'."

Die Sprachkritik, die Raddatz hier übt, dürften Spiegel-Redakteure, ans Austeilen gewöhnt, gewiss ungerührt einstecken. Aber keineswegs seine hochfahrende Häme, der Spiegel sei zum Gespött am Montag herunterredigiert.

Solche Sätze - nicht von irgendeinem Kabarettisten im Fernsehen geplaudert, sondern in der feinen, vor Seriosität manchmal ächzenden ZEIT funkelnd fixiert - provozieren Wut. Nahe liegende Frage: Warum ist der enorm belesene, enorm produktive, enorm kundige Kunstkenner und Kunstsammler Raddatz, warum ist und schreibt er nicht vorsichtiger? Gewiss, was den Spiegel betrifft, so hat er von diesem Magazin derart viele Schmähungen erfahren und Hinrichtungen überleben müssen, dass er schlechthin "gestählt" ist. Da braucht er wirklich nichts mehr zu fürchten. Aber seine Provokationslust - wenn er die Karl-Kraus-Gemeinde ärgert, wenn er die Ernst-Bloch-Bewunderer auf die Barrikaden jagt, wenn er die edle Stunde null der deutschen Nachkriegsliteratur leugnet, wenn er Skandalautoren wie Peter Paul Zahl leidenschaftlich mit Baudelaire verwechselt - diese Provokationslust lässt sich nicht nur als rauschhafte Unvorsichtigkeit erklären. Affären, Ärgernisse, Irrtürmer, wohlerworbene Anfeindungen säumen die Bahn, die Karriere dieses am 3. September 1931 in Berlin geborenen preußischen Intellektuellen mit der Tendenz zum Abgrund. Er will offenbar Ärgernis geben.

Manchmal scheint ihn - so wie den Schlafwandler aufs Dach - förmlich ein unbewusster Wunsch zum Skandal zu treiben! Als sehne sich etwas in ihm nach Bestrafung seiner höchst unpreußischen Exaltiertheiten. Nüchterner hat Frank Schirrmacher einmal Raddatz als "Pechvogel des deutschen Feuilletons" charakterisiert. Wobei anzumerken wäre, dass Pech- oder Glücksmomente des Raddatzschen Lebenslaufes sich stets in den Chefetagen abspielten.

Als ich ihn 1958 oder '59 kennen lernte, hatte er gerade die DDR und eine Lektorstelle beim Verlag Volk und Welt verlassen. Er suchte tapfer, ganz ohne seine aggressive Linksradikalität zu verbergen, in der BRD zu leben. Hatte rasch Erfolg. War von 1960 bis 1969 stellvertretender Chef beim Rowohlt Verlag. Da erschien beispielsweise, von Raddatz und Ledig disponiert, die erste Dokumentation der Wiener Gruppe zwischen Konrad Bayer und Ossi Wiener, Hubert Fichte, Hochhuth, die Jelinek, ein Dutschke-Buch. Dazu Mishima, Baldwin, Singer und, und, und.

1969 dann die keineswegs ganz friedliche Trennung. Von 1977 bis 1985 war Raddatz Feuilletonchef der ZEIT. Auch diese glänzende Periode endete nicht friedlich - sondern mit einem Riesenskandal wegen seines bösen Goethe-Irrtums. Blättert man in alten und neuen Kritiken, dann staunt man, wie hassverzerrt, giftig und hochnäsig die Raddatzschen Bücher - sowohl die Sachbücher als auch die erzählenden, heiklen, doch durchaus diskutablen Texte - beurteilt werden. Freilich hatte und hat Raddatz Freunde, die sich für ihn einsetzen. Böll nahm ihn in Schutz, Grass, Habermas, Hans Werner Richter.

Viele mittlere deutsche Intellektuelle jedoch glauben, sich über Raddatz mokieren zu müssen Keiner Akademie, weder der Berliner noch der Bayerischen, ist er vermittelbar. So sehr stoßen sich alle an ihm. Er selbst sagt dazu: "Was man in anderen Ländern an mir eventuell amüsant findet, akzeptiert man in Deutschland nur, wenn es von außen kommt. Nehmen Sie Pasolini, über ihn schluchzt man nachts in die Kissen - der durfte Lyriker sein, Kommunist sein, homosexuell sein, Katholik sein, Leitartikler sein, der durfte sogar in einem Alfa Romeo ermordet werden. Aber bitte jenseits der Alpen."