Kaum ein Künstler hat wie Luigi Nono einen so klaren Blick für die Rolle der Frau in Geschichte und Gesellschaft gehabt, sei es im Krieg oder in der Politik, in den Straßen oder in den Fabriken. Er sah sie beladen von Trauer und Aufbegehren, Liebe und Erinnerung, sie waren ihm Garanten für Humanität und ein befreites Leben. In seiner Musik sind Frauen von Anbeginn an die Trägerinnen seiner weit gespreiteten Atem- und Klangbögen, die oft mutterseelenallein die musikalische Expression zum Hörer bringen mussten.

Während der letzten Jahre hat sich die Öffentlichkeit an den späten Nono gehalten, an den Esoteriker tarkowskischer Prägung, den Musiker des Verschwindens und der Innerlichkeit. Jetzt, nachdem sein zermürbend-expressionistischer Bühnenerstling Intolleranza (1960) und vor allem Al gran sole (1974) nach langem Schlaf über die Bühnen gingen, gerät der abstrakte Melodiker wieder in den Blick.

Al gran sole carico d'amore (Unter der großen Sonne mit Liebe beladen) ist eine Revolutionsoper nur auf den ersten Blick. Denn Nono verherrlicht nicht die erfolgreichen Revolutionen, nicht Paris 1789, nicht Petersburg 1917, sondern die blutig gescheiterten und vergessenen, die Niederschlagung der Pariser Commune 1871 (eine "blutige Woche", 20 000 Tote), Russland 1905, Turin 1950, Kuba 1953. Und auch keine Verklärung: Nicht untergehenden Helden gehört die Bühne, sondern vergessenen revolutionären Frauen, Tania Bunke etwa, die an der Seite Ché Guevaras starb, Haydée Santamaria, die mit Fidel Castro kämpfte, oder Maxim Gorkijs "Mutter" Pelageja Wlasowa.

Weder Handlung noch Erzählung gliedern das Werk. Nono collagiert Dialogfragmente und Reflektionen aus Lebenserinnerungen, die in der Gesamtheit eher Gedicht als Oper und am wenigsten, wie Nonos Untertitel verspricht, "szenische Aktion" sind. Eine befriedigende Inszenierung hat Al gran sole bis heute nicht erfahren, vielleicht ist es bühnenuntauglich - seine Kraft bezieht das Stück aus der Musik, und die vermittelt sich auch von der CD. Monodien bilden die tragenden Pfeiler, von Claudia Barainsky herzzerreißend durchlebt und durchbrochen nur von alarmistischen Orchesterblöcken, gepanzerten Schlägen, "Todesakkorden", die von Gewalt und Leid künden - vom Orchester der Staatsoper Stuttgart unter Lothar Zagrosek eindringlich musiziert (Teldec 8573-81059). Al gran sole ist ein Memorial auf die Verzweiflungstaten mutiger Menschen, die dem Unrecht die Stirn boten. Ein Epitaph.