Am Anfang war das Sommerloch. Aber das Sommerloch erschuf das Sommertheater und das Sommertheater das Sommerinterview. Und nun haben wir die Sommerreise. Mediendemokratie? Wie auch immer. Die Medien dulden jedenfalls keine Pause, keine Zäsur, kein Vakuum, keine normalen Rhythmen des Lebens, denen - Gott sei dank - auch die Politik unterworfen ist. Sie erzwingen die politische Dauerpräsenz. Die Segnungen des Sommerlochs mit seiner milden Relativierung des politischen Ernstes haben sie inzwischen gänzlich vernichtet. Nach diesem Sommer ist Sommerreise Pflicht.

Aber was ist eine Sommerreise? Bei Gerhard Schröder war alles klar. Er hatte aus einer Not, das heißt aus einer Chefsache Ost, eine Tugend gemacht und war damit auch ein geopolitischer Pionier. Am Rande seines Lachens kamen immerhin die weitgehend unbekannten deutschen Ostlandschaften ins Bild. Aber nun will auch die Opposition reisen. Der Kanzler hat das Scheckbuch, aber was hat die Opposition im Angebot? Nun, Angela Merkel reiste, um "den Menschen in Deutschland einen neuen(!) Vertrag" anzubieten. Unter Punkt 2 heißt es: "Vertrag für eine moderne Politik der Mitte, die dafür sorgt, dass der, der arbeitet, mehr Geld hat, als der, der nicht arbeitet - und im Gegenzug erwartet, dass der, der arbeiten kann, auch angebotene Arbeit annimmt." Im Gegenzug? Wer ist denn da Vertragspartner? Der verstockte Faule, der weniger Geld bekommt? Kann man mit solch einem Vertrag erfolgreich hausieren?

Auch Gabi Zimmer, die PDS-Vorsitzende mit den identitätsstiftenden hängenden Mundwinkeln, hat ihre Sommerreise begonnen. In die westdeutschen Provinzen.

Im Gegenzug. Damit nicht gleich die Türen zugehen, wird versichert: "Sie kommt nicht als Bittstellerin." Ihr Reisegeschenk: "... die Erfahrungen und Erkenntnisse des Einigungsprozesses in Ostdeutschland, mit Problembewusstsein und Sachkenntnis. Die Grenzen zwischen Ost und West zu überwinden, um die eigentliche Spaltung der Gesellschaft in arm und reich zu bekämpfen, ist ihr Ziel." Ganz schön anspruchsvoll für eine Sommerreise! Oder ist es eine Kaderreise, auf der die Massen über Haupt- und Nebenwidersprüche informiert werden? Jedenfalls heißt es ziemlich drohend: "Sie möchte in einen Erfahrungsaustausch treten, der für die Entwicklung der gesamten Bundesrepublik von Bedeutung ist." Schwingt da nicht schon eine harte, exekutive Tonlage mit? Nun, am Ritual der Sommerreise muss noch gearbeitet werden.