Engelberg ist ein kosmopolitisches Dörfchen mit einer Luftseilbahn zum höchsten Aussichtspunkt der Zentralschweiz. Bei der Ankunft fühlt man sich angesichts des schneebedeckten Titlis vor tiefblauem Himmel, den saftig grünen Wiesen mit Milka-Kühen und opulentem Geranienschmuck wie in einer 3D-Fototapete. Dieser unwirkliche Effekt wird durch die internationale Touristenschar nicht gerade gemindert. Orthodoxe Juden schlendern in Konferenzpausen durch den Park, ukrainische Football-Spieler erholen sich zwischen wichtigen Matches, und junge Japanerinnen halten sich auf Inlineskates fit. Am wundersamsten aber nehmen sich in Engelberg die vielen Inder aus. Trotz hochsommerlicher Temperaturen ziehen sie sich schon am Fuß der Seilbahn Pudelmützen, Handschuhe und dicke Winterjacken an. Die Aussicht auf einen Aufenthalt im Schnee lässt sie aufgeregt kichern und ihre Gesichter glücklich strahlen. Drei Tage Engelberg sind der Höhepunkt ihrer Tendays-Europe-delight-tour. Insgesamt kommen im Sommer rund 6000 indische Pauschaltouristen monatlich in das Dorf. Für uns ist hier der Himmel auf Erden, schwärmt Radhika Chakraborty aus Bombay, die die Schweiz - genau wie ihre Mitreisenden - vor allem aus Filmen kennt. Im Kino haben wir uns von dieser Verrücktheit nach der Schweiz anstecken lassen.

Liegend im rosa Sari

Die indische Filmindustrie entdeckte das Alpenland bereits zur Technicolor-Zeit als idealen Schauplatz für die obligatorischen Song & Dance-Szenen. Sie sind eine Besonderheit des so genannten Bollywood-Kinos.

Pro Film verlangt das indische Publikum mindestens fünf solcher Tanzeinlagen.

Ähnlich wie der Chor in der griechischen Tragödie spielen sie auf einer narrativen Meta-Ebene. In Bollywood sind die Song & Dance-Szenen romantische Fantasiesequenzen, in denen Held und Heldin, ganz und gar losgelöst von cinematografischer Logik, durch eine symbolisch verdichtete Traumlandschaft tänzeln. Beispielsweise läuft sie singend im gelben Sari über eine Wiese voll Löwenzahn und versteckt sich hinter einer Linde. Er folgt ihr mit schmachtendem Blick und ausgebreiteten Armen, findet sie liegend im rosa Sari. Irgendwann später gleitet das Paar eng umschlungen aus dem unteren Bildrand. Der Zuschauer sieht dann nur noch einen wehenden Schleier, und es bleibt seiner Imagination überlassen, was dahinter passiert.

In den fünfziger und sechziger Jahren waren die Täler und Bergwiesen von Kaschmir die bevorzugten Drehorte für diese Szenen, doch mit dem Bürgerkrieg wurde die Region zur no-go area, und die Filmindustrie suchte dringend eine Alternative. Zunächst war es nur die landschaftliche Ähnlichkeit, die indische Regisseure mit kompletten Filmteams in die Schweiz ausweichen ließ.

Doch das Publikum war derart begeistert von den exotischen Reizen der Alpenrepublik, dass in der Schweiz gedrehte Szenen in den neunziger Jahren zu einem regelrechten Markenzeichen der größten Kinohits wurden. Selbst wenn die Aufnahmen gelegentlich auch aus Neuseeland, Italien oder Norwegen kommen, wird die Szenerie im fertigen Film dennoch gern als Switzerland dargestellt.