Die Globalisierung, heißt es, nivelliere alle kulturellen Unterschiede, mache alles gleich. Stimmt aber gar nicht. Die Zugriffsmöglichkeiten auf die unterschiedlichsten Musikstile mögen sich erhöht haben. Aber die gleiche Musik muss an verschiedenen Orten noch lange nicht dasselbe bedeuten. Man nehme etwa NuJazz, eine Mischung aus HipHop, Jazz und Soul. Für europäische Ohren hört sich diese Musik an, als sei sie der Soundtrack zur fröhlichen Selbstverwirklichung in der Werbeagentur. Für Ursula Rucker, Poetin aus Philadelphia, dient NuJazz als Tonspur für Texte, die beispielsweise den sexuellen Missbrauch an Töchtern drogenabhängiger Mütter zum Thema machen: "Her baby hole / supposed to be / only a confirmation of sex / not an invitation to sex / so these men / these monsters / took their turn." So ortlos diese Musik sonst ist, so wenig man sie auf einen Inhalt festlegen könnte, ob ein Stück aus Tokyo, London oder Freiburg kommt - Ursula Rucker nimmt sie sich und formatiert sie für ihr Album Supa Sista (K7 Records/Zomba RTD 387.0106.2) in den Sound eines neuen Realismus um. Ort: Philadelphia, Hautfarbe: schwarz, Geschlecht: weiblich.

Ursula Rucker ist es ernst mit ihrem Anliegen. Fern von der Ghetto-Romantik des HipHop erzählt sie, was sie auf den Straßen ihres Viertels sieht. Ohne mit Stereotypen zu spielen, breitet sie aus, was es für sie bedeutet, Mutter, Künstlerin, Liebhaberin und Frau zu sein. Und in der Tradition des Black Arts Movement blendet sie Erzählung und Essay übereinander - zum Beispiel, wenn sie die Treulosigkeit vieler afroamerikanischer Männer gegenüber ihren Familien aus der kollektiven Erfahrung der Sklaverei herleitet: "You might leave too / if you were beat in front of your woman and sons / helpless as sons swung from ungiving trees."

Das ist harter Stoff, und es verwundert kaum, dass Rucker in den USA kein Label fand. Nun ist sie bei einer Berliner Plattenfirma untergekommen, der gleichen, die auch die Kaffeehaus-DJs Kruder & Dorfmeister verlegt. Und man kann nicht einmal sagen, dass sie dort fehl am Platze wäre. Denn in einem Land wie Deutschland, wo es keine nennenswerte black community gibt, verschwindet der politische Impetus von Ruckers Musik zugunsten der Oberfläche. Vielleicht vervielfacht die Globalisierung eher die Missverständnisse: Da, wo man verstanden wird, will einen keiner hören, und da wo man gehört wird, versteht einen niemand.