Berlin

Es ist genau ein Jahr her, da geriet die Beziehung von Rudolf Scharping zu Gräfin Pilati-Borggreve schon einmal zum Topthema der Boulevardpresse. Und auch damals scheute der Verteidigungsminister nicht die Kooperation mit Bild, Bunte und BamS, die er hernach nüchtern erläuterte: "Wenn man Politiker ist, gibt es am Privatleben ein Interesse der Öffentlichkeit. Solche Nachfragen haben wir beantwortet, auch um Gerüchten zu entgehen. Das ist nun geschehen, und damit ist es dann auch gut." Aber es war nicht gut.

Ein paar Monate später präsentierten sich der Minister und seine neue Lebenspartnerin unter dem Motto: "Nur die Liebe zählt" bei Alfred Biolek, wo ein ostentativ lockerer Rudolf Scharping gegen sein Image als "Aktenhengst" ankämpfte. Zur gleichen Zeit tagte im Kanzleramt, nach den Ministerrücktritten sechs und sieben, die Krisenrunde. Nun also der vorläufige Höhepunkt: die ausgelassenen Badefreuden im Pool eines mallorquinischen Nobelhotels, eigens ausgesucht für die grellfarbene Inszenierung gemeinsamen Liebesglücks. Zu bestaunen war das Ganze hernach in der Illustrierten Bunte. "Viele freundliche Worte" über die Fotostrecke will Scharping im Kabinett vernommen haben. "Normale Menschen", erzählt er, "lassen sich das Heft signieren." Man will das kaum glauben. In der SPD-Fraktion jedenfalls wird die Häme über den Öffentlichkeitsdrang des entfesselten Verteidigungsminister in den Titel seines Kosovo-Tagebuches verpackt: Wir dürfen nicht wegsehen.

Ungläubiges Kopfschütteln gehört zu den milderen Reaktionen im Regierungslager, aus der Opposition kommen die ersten Rücktrittsforderungen.

Dass der Verteidigungsminister mit seiner Geliebten auf Mallorca "planscht", während sich seine Soldaten auf den Mazedonien-Einsatz vorbereiten, dient der Opposition als kleiner Entlastungsangriff im Wirrwarr um Zustimmung oder Ablehnung des Mandates. Doch auch wer das als vordergründige Attacke abtut, kommt um die Frage nicht herum, was den bieder-verbindlichen Scharping zu solch peinlichen Inszenierungen treibt. Der Mann, der den rauschenden Wahlerfolg 1998 noch bierernst kommentierte, nun gehe es nicht um die "Erfüllung persönlicher Träume", sondern darum, "das Land voranzubringen", verkündet nun bei jeder sich bietenden Gelegenheit, erst die Erfüllung seiner persönlichen Wünsche setze die Kräfte frei, die der Dienst für das Land von ihm fordere.

Dabei hat sich Rudolf Scharping auch vor der Ära Pilati durchaus Ansehen erworben. Es waren gerade die Sekundärtugenden, die jetzt im Bild des neuen Scharping etwas in den Hintergrund treten, die ihn seinerzeit zur Ausnahmeerscheinung unter den Zöglingen Willy Brandts machten. Vom "Hedonisten" Engholm, vom "Machtmenschen" Lafontaine, vom "Spieler" Schröder unterschied sich Scharping durch Fleiß, Präzision, Seriosität und Verbindlichkeit. Ein Enkel, der Politik um der Sache willen betrieb, unideologisch, pragmatisch, zielstrebig, das war der Auftritt, der den 43-Jährigen 1991 an die Spitze der rheinland-pfälzischen Landesregierung und zwei Jahre später an die Spitze seiner Partei beförderte.

Zwar wurde dieses Bild schneller als erwartet durch die uninspirierten, überheblichen Facetten Scharpings ergänzt. Auch fielen die Niederlagen bald spektakulärer aus als die frühen Erfolge. Doch auf das Vertrauen in seine eher bodenständigen politischen Fähigkeiten durfte Scharping immer dann zählen, wenn die Ämter zu ihm passten: als Ministerpräsident in Mainz, als Fraktionschef im Bundestag, auch als Verteidigungsminister, ein Amt, in dem er anfangs überlegen agierte.