Der schlafwandelnde Prinz mit seinen Halluzinationen, die sich als ironische Vorwegnahme der Realität erweisen, das Ineinander von Unbewußtem und Bewußtem, das Überspielen der Grenzen zwischen Tag- und Nachtseite des Lebens – es gilt dem typischen französischen Kritiker von heute als typisch deutsch. Es hat für ihn etwas von der Anziehungskraft des Exotischen, die es schon für Gérard de Nerval hatte, als er 1827 auf den Spuren der Romantiker durch die deutschen Wälder zog. Den "Faust" übersetze und mit Tieck und Arnim, den überlebenden Freunden Kleists, Bekanntschaft machte – der gleichen Anziehungskraft, die E.T.A. Hofmann in Frankreich zu so großem Ruhm gebracht hat. Aber es hat auch jenes unbestimmt Gefährliche und Unberechenbare, das Zwielichtige und Zweideutige, das Eruptive und Verwegene, das dem klaren, haushälterischen Verstande des Romanen so anstößig ist und als schlechtes Europäertum gilt.

Ist Kleist ein schlechter Europäer gewesen? Das war nach 1945 auch in Deutschland vielfach zu hören. Der "Prinz von Homburg", die "Hermannsschlacht" gar, die "Penthesilea" und selbst Das "Käthchen von Heilbronn" kamen jahrelang nicht auf die deutschen Bühnen. Es war, als schäme man sich der Unbedingtheit Kleists, die das spielerische Element im Bühnenspiel mit so unheimlicher Lebensspannung auffüllt und es wie Gewitter zur Entladung treibt. Ja, es war, als sei in diesem Manne, der den unbändigen Willen zur Selbstverwirklichung und die innigste Vertrautheit mit dem Tode hatte, bereits die Gestalt des "heroischen Nihilisten" vorgezeichnet gewesen, die zwölf Jahre lang über dem deutschen Schicksal hing.

Der einundzwanzigjährige Potsdamer Gardeleutnant Heinrich von Kleist erbittet und erhält 1799 von König Friedrich Wilhelm III. seine Entlassung aus dem Militärdienst. Das Motiv zu diesem brüsken Berufswechsel hat er kurz zuvor seinem alten Hauslehrer Martini anvertraut: Er hält es "bei dem jetzigen Zustande der Armeen für unmöglich, die Pflichten des Menschen denen des Offiziers zu vereinen." Er verabscheut die Disziplin des friderzianischen Heeres. "Wenn das ganze Regiment seine Künste machte, schien es mir als ein lebendiges Monument der Tyrannei."

Mit dem zivilen Staatsdienst, in den er sich nun einzugewöhnen sucht, sieht es anders aus. Der preußische Staat, den er vor Augen hatte (1800 bis 1811), war von dem Typ des spezifischen Machtstaates so weit entfernt wie nur möglich. Wohl war er, wenigstens bis zu den Steinschen Reformen, der reine Typ des Obrigkeitsstaats. Aber er war durch das Preußische Landrecht unter das Prinzip der wohldurchdachten und humanen Gesetzlichkeit gestellt und ließ die Regierten von der Willkür des Herrschers und seiner Beamten frei. Die Bürger waren zwar nicht, wie in England, mittätig und mitverantwortlich, aber sie waren in ihrer privaten Sphäre – ihren "Grundrechten" – vor allen Eingriffen gesichert. Nach außen verfolgten König und Regierung seit 1795 eine Politik des pazifistischen Neutralismus. Um des Friedens willen hatte Preußen 795 seine linksrheinischen Territorien abgetreten und lavierte bis 1806 in den Konflikten der großen Mächte mit der einzigen Tendenz, aus Kriegen herauszubleiben.

Wie stark mußte der Unabhängigkeitssinn Kleists nach diesem auf Stabilität bedachten, keinerlei Expansionsgelüsten folgenden System den Kontrast des napoleonischen Regimes empfinden! Er sah in dem Korsen den Cäsaren und Imperator, dessen organisatorische und gesetzgeberisches Werk nur der Hegemonie Frankreichs dienen soll. "Wir sind die unterjochten Völker der Römer. Es ist auf eine Ausplünderung von Europa abgesehen, um Frankreich reich zu machen." Nur auf diesem Hintergrund ist sein patriotischer Ingrimm zu verstehen. Der preußische Staat konnte für ihn nach 1806 zum verlorenen und wiedererstrebten Ort der Freiheit werden. Der Cherusker, der die Römer überlistet, und der märkische Oberst, der dem Kurfürsten die Kurzsichtigkeit seiner Staatskunst vorhält, sind auf demselben Erlebnisboden gewachsen. Die Verse der Germania:

"Also stürzt, voran der Retter,
rings herab im Freiheitswetter;
schäumt, ein uferloses Meer,
über diese Franken her!" –
und die Worte des Kottwitz –
"Was! Meine Lust hab‘, meine Freude ich,
frei und für mich im stillen, unabhängig,
an deiner Trefflichkeit und Herrlichkeit …" –

haben innerste Beziehung aufeinander, weil für den, der sie schrieb, das selbständige, mündige Dasein das höchste Gut, der eigentliche Inhalt der Freiheit ist, der durch Fremdherrschaft wie durch allzu starres Staatsgebaren gleichermaßen verletzt wird.