Bio versiegelt

Renate Künast bastelt an der Agrarwende. Als "ein Puzzleteil" bezeichnete die Verbraucherschutzministerin das neue Bio-Siegel - ein grünes Sechseck mit der Aufschrift "Bio nach EG-Öko-Verordnung". Jeder Nahrungsmittelproduzent kann das Zeichen für seine Lebensmittelprodukte beantragen und kostenlos benutzen, wenn er alle Kriterien der Verordnung erfüllt. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" gibt sich skeptisch: "Wie sich ihre Devise ‚Klasse statt Masse' mit der Einführung des neuen Bio-Siegels verträgt, muß die Verbraucherschutzministerin Renate Künast noch einmal erklären. Auf den ersten Blick sieht es nämlich so aus, als würde da nur einer Fülle von Öko-, Bio-, und Natur-Zertifikaten ein weiteres hinzugefügt." Die Ministerin erwartet, dass durch das Öko-Siegel mehr Bauern ihre Höfe auf einen ökologischen Landbau umstellen werden. Denn die EU-Verordnung ist im Verhältnis zu den Richtlinien einiger Anbauverbände wie Demeter und Bioland weniger strikt. Doch auch hier ist die Zeitung misstrauisch: "Läuft das nicht darauf hinaus, dass Frau Künasts Ziel, bis 2010 zwanzig Prozent der Agrarflächen ökologisch bewirtschaften zu lassen, ganz ohne Agrarwende erreicht wird - einfach durch Umetikettierung?"

Auch die "tageszeitung" befürchtet eine Mogelpackung. Sie fordert, dass sich das Verbraucherschutzministerium aktiv an einem vernünftigen Niveau für die Bioware mitarbeiten muss. Denn bisher habe sich das Künast-Ministerium weitgehend zurückgezogen und das konventionelle Zeichen in privatwirtschaftliche Hände gegeben: "Seitdem pokern Handel, Bauernverband, CMA (der PR-Verein der Agroindustrie), Fleischwaren- und Futtermittelhersteller um die Kriterien. Da diese fünf Zocker in Sachen Qualität und Tierschutz nicht gerade die Speerspitze der Bewegung verkörpern, ist jedes Misstrauen berechtigt."

Doch Renate Künast könne nur dann eine umwelt- und verbraucherschutzfreundlichere Landwirtschaft durchsetzen, wenn sie mächtige Mitstreiter hat, meint die "Süddeutsche Zeitung". Denn bislang hätten die Verbraucher Krisen wie BSE nur ausgesessen und nichts an ihrem Konsumverhalten geändert. Kein Wunder sei es daher, dass die Bauern keinen grundsätzlichen Wandel ihrer Produktionsweisen für nötig hielten. "Die Verbraucherministerin muss vielmehr die Verbraucher überzeugen. Und dabei ist das neue Öko-Siegel nur ein vernünftige Anfang."

Bomben in Belfast

Die Kommentatoren fahren schwere moralische Geschütze auf. Barbarisch und skrupellos nennt die "Frankfurter Allgemeine" den Angriff auf katholische Mädchen, die in Belfast auf dem Weg zur Schule durch ein protestantisches Viertel gelaufen und mit Steinen und einer Splitterbombe bedacht wurden. "Muss denn erst noch ein katholisches Schulmädchen sterben?" mahnt die "Süddeutsche Zeitung". "Muss es wirklich so weit kommen, dass erst ein Kind von einer Bombe zerfetzt wird, ehe die Sektierer in Nordirland zur Besinnung kommen?" Der Anschlag zeige, "welchen unerhörten Grad an Verrohung diese Gesellschaft erreicht hat" und sei auch dem politischen Vakuum entsprungen, "wo der Frieden zu zerbröseln droht und die Regierung von Auflösungserscheinungen geprägt ist".

Der Unterricht, der hier erteilt und gelernt werde, trage nicht dazu bei, Vertrauen zu schaffen und vorhandene Grenzen abzubauen, schreibt die "Frankfurter Rundschau". "Ein wenig erinnern diese Bilder an den Süden der USA in den 50er Jahren, an die Spießrutenläufe der schwarzen Kinder. Noch einmal lehnen sich die bigotten Kräfte auf, bevor sie die Realitäten anerkennen müssen."