Wodurch wird einer zum Menschen? Das Roboterkind David hofft auf einen Zauberspruch, zweitausend Jahre lang. Dem Menschenkind Steven Spielberg ist dagegen angeboren, wonach David sich verzehrt. Oder doch nicht? "The camera made a mensch out of him", hat einmal einer von Spielbergs Lehrern gesagt. Ist die Kamera eine andere Art von Zauberstab, ein Werkzeug im Dienste der Menschlichkeit? Spielberg benutzt sie so. Durch sie soll der Zuschauer nicht nur sehen, sondern auch mitempfinden. Die Kamera blickt, der Zuschauer blickt, das Mitleid bricht aus. Das ist ein abgekartetes Spiel, es setzt auf einen billigen Reflex, aber es sorgt zugleich für einen edlen Moment.

Der Muskel, den Spielberg beim Zuschauer auf Trab hält in den bewegendsten Momenten seiner Werke, kann womöglich das Training gut gebrauchen. Immer wieder kommt Spielberg in seinen Filmen auf einen Generalverdacht zurück: Reicht unser aller Mitgefühl aus für ein gemeinsames Leben in Geborgenheit? Der starke Unterstrom des Zweifels wird aus Spielbergs Kindheit gespeist, in der es nicht sehr geborgen zuging. Das Elternhaus rüttete langsam vor sich hin, die Mitschüler hänselten drauflos, da nahm der ängstliche Steven eine Amateurkamera und filmte in fantastische Welten hinein, in denen zum Beispiel Außerirdische für den Menschen Freundschaft, Trost und Orientierung bereithielten. Später hat er seine Träume ins Gigantische vergrößert, bis hin zur Unheimlichen Begegnung der Dritten Art. Da schreitet der brave Roy (Richard Dreyfuss), von der eigenen Familie verlassen, beglückt in die Lichtflut des Raumschiffs, als ginge es der ewigen Erlösung entgegen. Schemenhaft sind feingliedrige Außerirdische im gleißenden Weiß zu erkennen. Ihre Absichten sind unklar, aber den kühnsten unter den Bedürftigen öffnen sie das Herz.

Seit der Unheimlichen Begegnung (1977) hat Spielberg kein eigenes Drehbuch mehr geschrieben. Aber jetzt eines für A.I. Und siehe, der kindliche Roboter David tritt ins Leben der traurigen Eheleute Henry und Monica Swinton wie damals der gute Alien vor das strahlende Ufo: Schemenhaft und schmal bildet er sich ab in einem Raum voll weißem Licht. Das verspricht Erlösung.

Postmoderner Pinocchio

David kommt zu Hilfe in einer Situation emotionalen Notstands. Das leibliche Kind der Swintons liegt im Koma. Also holt Henry David ins Haus, als Stimulans für seine Gattin, zur Neubelebung langsam verödender Muttergefühle. David wird seine "Mutter" wahrhaftig lieben - wenn diese von Angesicht zu Angesicht das entsprechende Programm aktiviert. Diese Aktivierung ist eine der stärksten Szenen in A.I., denn Spielberg inszeniert sie mit doppeltem Boden. Als nach Monicas Zauberformel Davids Gesichtszüge plötzlich von wächsern zu weich wechseln und er das erste Mal "Mami" sagt, muss nicht nur die neu anerkannte Mutter schlucken, sondern auch der Zuschauer. Das Scharnier ist eingerastet. Von nun an ist David eine Figur, der wir beständig Mitgefühl opfern - trotz ihres maschinellen Kerns.

Spielberg interessiert sich im Grunde nicht für die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz, nicht für die Fortschrittsfantasien der Robotik. Er erforscht die emotionale Haftung von Oberflächen, die Stimulationskraft von technischem Spielzeug. Als Kind hat er sich in künstliche Paradiese abgesetzt, jetzt prüft er, was man daraus fürs erwachsene Gemüt nutzbar machen kann. Seine Träume von Trost und Heilung sind tendenziell regressiv, das heißt auch immer wieder: größenwahnsinnig, wenigstens unproportional, wie etwa in den Abschlussschleifen seiner zeitgeschichtlichen Epen Saving Private Ryan oder Schindlers Liste. In Hook erlebtder gealterte Peter Pan durch die Rückkehr ins "Neverland" seiner Kindheit, auf welche Gefühlswerte es ankommt im Familienleben. Eine ähnlich therapeutische Erfahrung soll vielleicht auch Monica Swinton mit ihrem neuen Super-Toy David machen. Dessen Liebebedürftigkeit frischt ihre Liebesfähigkeit auf. Aber die Menschen der drohenden Zukunft, emotional abgedämpft und ausgezehrt, haben ein sauber und rein laufendes Herzchen wie dasjenige Davids gar nicht verdient. Sie stoßen ihn zurück - und Spielberg inszeniert für seinen postmodernen Pinocchio eine bizarre Odyssee. Der "Mecha" David darf schließlich neu entdecken, was die "Orgas" verloren haben: den lauteren Glauben an die Liebe, wider alle Vernunft, an die unsterbliche Seele, an den geglückten Tag.

Dass der gefühlsbegabte Roboter am Ende der bessere Mensch sein mag, hat das Science-Fiction-Kino schon ein paarmal beschworen, am beeindruckendsten wohl immer noch im Blade Runner. In Alien IV wurde zuletzt Winona Ryder als Replikantin erkannt, weil sie sich, in unmenschlichen Verhältnissen, zu menschlich verhalten hatte. Natürlich ist jede dieser Parteinahmen für die Maschine zugleich eine Klage gegen das Maschinelle im Menschen und also doch ein Kampf fürs Menschliche. Und natürlich schwebt Spielberg im Grunde etwas Ähnliches vor. Aber er kommt einfach nicht aus seiner kindlichen Obsession heraus. Statt den Kalten die warmgelaufene Maschine wie einen Spiegel zur Selbsterkenntnis entgegenzuhalten, gräbt er sich mit seinem süßen Püppchen ein, ganz spielzeugparadiesisch-selbstgenügsam, trägt David die gute Fee herbei und stellt ihm sogar Mami noch einmal zur Verfügung, ohne Papi versteht sich, fürs Versinken im ödipalen Traumreich.