Die Hingabe an das fühlende Stück Fortschritt steht dabei merkwürdig quer zur aktuellen Debatte um den evolutionären Posthumanismus. Ohne viel Federlesens schlägt sich Spielberg zwar auf die Seite der Things to come. Aber an seinem einen geliebten Objekt feiert er dann ausgerechnet etwas genuin Menschliches: das Wünschen weit über die Wirklichkeit hinaus. Die Flüssigkristallwesen aus dem fünften Millennium, die am Ende des Films kurz auftauchen und mildtätig für Davids letzte Ruhe sorgen, mögen evolutionär gesprochen die nächste oder übernächste Stufe darstellen. Sie trauern allerdings ausdrücklich dem imaginären Überschuss nach, der das unfertige Menschenhirn beständig in Wallung bringen konnte.

Bekanntermaßen war A.I. lange Jahre ein Projekt von Stanley Kubrick. Kubrick brütete mit mehreren Drehbuchautoren über dem Stoff, während er auf einen entscheidenden Durchbruch in der Tricktechnik wartete. Dann schwenkte er um auf Eyes Wide Shut und kehrte am Ende nicht mehr zu A.I. zurück. Spielberg war als Regisseur Kubricks Lieblingsalternative für den Stoff. Kubrick allerdings wollte David tatsächlich von einer Maschine "spielen" lassen, und in diesem Plan liegt wohl der Unterschied ums Ganze. Wo Spielberg der Schwerkraft des Märchens nachgibt, hätte sich Kubrick womöglich in eine kühle Satire oder eine Parabel über die Mechanisierung des Gefühlslebens hineingesteigert. Jedenfalls wäre kein Film über die Herzigkeit der Maschine, sondern einer über die Herzlosigkeit des Menschen dabei herausgekommen. Denn bei Kubrick wurden noch die Subjekte gnadenlos zu Objekten gemacht - während Spielberg in A.I. voller Sympathie verfolgt, wie sich ein Objekt zum Subjekt wandelt.

Kabelsalat des Herzens

Wenigstens irrt David die längste Zeit durch eine heillose Welt, die auch Kubrick kaum eindrucksvoller hätte grundieren können. Selbst in Mamis heimeliger Wohnung zieht's mitunter eisig. "Ich liebe dich in diesem Parfüm", ruft Henry einmal seiner Gattin Monica zu, die zurückfragt: "Und ohne Parfüm?" - "Natürlich nicht." Das ist ein Scherz, der wirkt wie die Wahrheit. Denn tatsächlich scheinen Gefühle immer flüchtiger zu werden. Ebendeshalb braucht Monica ja ihren David: wie eine Medizin zur künstlichen Aufrechterhaltung eines naturidentischen Emotionsspiegels. Eine Ware befriedigt, wozu es früher vielleicht noch Freunde gab. Die gibt es bei Spielberg nicht, keinen einzigen. Stattdessen Rouge City, die Rotlichtmetropole der Mecha-Prostitution, in der Gigolo Joe (Jude Law) jede Kundin mit einem maßgeschneiderten Verführungsmodul abzufertigen vermag.

Noch pikanter allerdings prallen Mecha und Orga bei der "Flesh Fair" aufeinander, einer Art rituellem Schlachtfest, auf dem Roboter mit abgelaufener Lizenz "im Namen des menschlichen Lebens" zum finalen Kurzschluss getrieben werden. Auch David landet auf der Abschussliste und steht schon am Marterpfahl - als er plötzlich die Geister scheidet. Der grobschlächtige Impresario führt ihn als besonders perfide Kreation der Imitationstechnologie vor - unbedingt vernichtenswert. Die Meute Mensch in den Rängen verstummt dagegen; sie sieht im jammernden Jungen einen der Ihren und verhindert ausnahmsweise das "Morden". In dieser Sequenz tritt Spielbergs verkehrte Empathie krass zutage wie selten. Die Roboter, und seien sie noch so abgewrackt, inszeniert er als mitleidheischende, individualisierte Opfer, die Menschen dagegen als gesichtslose Tätermasse. Interessant wäre es andersherum gewesen: wenn die Hinrichtung der Maschinen tatsächlich ausgesehen hätte wie ein humaner Akt - ein Fanal gegen die Mechanisierung aller Lebensräume. Im Grunde läge das auf Spielbergs Linie. Nur liegt ihm eben der Augenschein noch näher.

Spielberg, den die Kamera zum Menschen gemacht hat, schafft jetzt Menschen mithilfe der Kamera. Entscheidend ist nicht, was für ein Herz sein Held in der Brust trägt beziehungsweise ob er überhaupt eines hat. Entscheidend ist nur, ob er kameratauglich ist oder wenigstens so behandelt wird. Mitleid ist keine Wesens-, sondern eine Inszenierungsfrage. In der heillosen Welt verlässt Spielberg sich auf sein Handwerk. Wenn tatsächlich alle Beziehungen verdinglicht sind, zerstäub- und abbuchbar, dann darf auch die Kamera ganz zur äußerlichen Anwendung übergehen, Niedlichkeit als Maßstab der Anteilnahme ausrufen und Hauptfiguren nach Märchenfähigkeit rekrutieren. Mit der immer elfjährigen David-Maschine ist dem Spielberg-Kino womöglich sowieso der ideale Held vor die Füße gefallen. Kind und Spielzeug: auf ewig eins mit sich.

Kubricks erste Konfrontation mit der Künstlichen Intelligenz in 2001 führte zum "Starchild", zur Fruchtblase mitten im Weltraum. Spielbergs A.I. endet fürs künstliche Kind im mütterlichen Bett. An der Schallmauer zur Übermenschlichkeit lauert die Regression. Spielberg ist deren großer Utopist.