Der Mythos: Mädchen werden in unserem Bildungssystem benachteiligt. Schuld daran ist vor allem die Koedukation, also der aus dem Streben nach Gleichberechtigung entstandene gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen. In gemischten Klassen dominieren die Knaben. Sie sind vorlaut, lenken die Aufmerksamkeit der Lehrer auf sich und profitieren von dieser pädagogischen Zuwendung. Durch getrenntgeschlechtlichen Unterricht wenigstens in Naturwissenschaft und Informatik muss die Gleichbehandlung der Mädchen gesichert werden.

Die Wirklichkeit: Mädchen sind eindeutig die Gewinner des Schulsystems. Wesentlich mehr Mädchen als Jungen gehen aufs Gymnasium. Im Moment sind sie bundesweit mit knapp 200 000 im Vorsprung, bei steigender Tendenz. Mädchen sind eben einfach schlauer, könnte man meinen. Und das trifft zum Teil auch zu. Sie sind eindeutig besser in allen Fächern, die mit Sprachen zu tun haben; in einem Schulsystem wie dem unseren, das traditionell stark geistes- und sprachwissenschaftlich geprägt ist, bringt das Vorteile. Vielleicht verlieren die Mädchen ihren Vorsprung, wenn - wie im Moment der Trend - Mathematik, Naturwissenschaft und Technik im Unterricht an Bedeutung gewinnen. In diesen Fächern legen sie nämlich weniger Interesse und Leistung an den Tag und hinken den Jungen hinterher.

Der wahre Grund aber, weshalb Mädchen an den Gymnasien zahlreicher vertreten sind: Sie werden von ihren Lehrern bevorzugt. Wenn es um die für die Schullaufbahn entscheidende Empfehlung für den Übergang von der Grundschule zum Gymnasium geht, werden deutlich mehr Mädchen vorgeschlagen. Das sagt jedenfalls eine Langzeitstudie, die Rainer H. Lehmann von der Berliner Humboldt-Universität im Auftrag der Stadt Hamburg durchgeführt hat. Bereits bei diesem entscheidenden Übergang werden die Mädchen also bevorzugt. Und diese Bevorzugung kann "allenfalls teilweise durch ein höheres Leistungsniveau begründet werden". Warum die Lehrer die Mädchen bevorzugen, darüber stellt die Studie nur vorsichtige Vermutungen an. Möglicherweise sei eine "schulkonformere Einstellung" der Mädchen daran beteiligt; mit anderen Worten: Mädchen sind braver als Jungen, sie passen sich besser an und machen ihren Lehrern weniger Schwierigkeiten. Was, wenn es denn stimmt, Stoff zum Nachdenken über die Aussagekraft von Schulnoten liefert.

Eine andere Untersuchung hat inzwischen ergeben, dass nicht etwa Mädchen, sondern Jungen von den geschlechtergemischten Klassen benachteiligt werden. Eine in der Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie Nr. 2/2000 erschienene Studie belegt, dass Jungen in Jungenschulen mehr lernen und sich dort auch wohler fühlen als in gemischten Schulen. So empfinden sie im gemischten Unterricht höheren Leistungsdruck und glauben, weniger Mitspracherecht zu haben.