Mit Christoph Daum begann das Jahr der Katastrophen. Als der Fußballtrainer im vergangenen Herbst als Kokskonsument überführt wurde, traf das nicht nur seinen Verein Bayer Leverkusen sondern auch das gleichnamige Chemiekonglomerat. Bayer ist bis heute Sponsor der ehemaligen Werksmannschaft, Konzernchef Manfred Schneider ihr prominentester Fan. Doch dem Unternehmenslenker blieb wenig Zeit, das Schicksal der Fußball-Elf zu betrauern.

Denn kurz darauf trafen ihn die Schläge auch im Kerngeschäft. Erst schwächte die nachlassende Weltkonjunktur die Chemiesparte. Dann legten Bakterien die Produktion einer Bio-Tech-Arznei für Bluter lahm. Im August schließlich musste Bayer ein weiteres wichtiges Medikament vom Markt nehmen: Der Cholesterinsenker Lipobay - bis vor kurzem eine Umsatzstütze der Leverkusener - wird mit weltweit über 50 Todesfällen in Verbindung gebracht. Kein Wunder, dass sich der Konzernchef verzweifelt bemüht, mit guten Nachrichten zu punkten.

So wie es aussieht, könnte ihm das bald gelingen. Aus den beteiligten Unternehmen ist zu hören, dass Bayer vor der größten Akquisition in seiner Firmengeschichte steht, eine Übernahme, die den gebeutelten Chemie- und Pharmahersteller zumindest im Geschäft mit Spritzmitteln und Saatgut unter die drei größten der Welt bringen würde. Schon seit einiger Zeit interessiert sich Bayer für die Landwirtschaftssparte des deutsch-französischen Wettbewerbers Aventis. Und allen Katastrophen zum Trotz scheinen die Übernahmeverhandlungen vorangekommen zu sein. So hat Aventis bereits begonnen, seine Arbeitnehmervertreter über den Verkauf zu informieren. Das deutet darauf hin, dass der Deal unterschriftsreif sein wird, wenn sich die Bayer-Aufsichtsräte am kommenden Donnerstag routinemäßig in Leverkusen treffen.

Auch die Kartellwächter werden der Übernahme kaum allzu viele Steine in den Weg legen. Allein bei den Insektiziden könnte Bayer durch den Zukauf von Aventis zu schwergewichtig werden. Doch weil dem Wettbewerber BASF gerade diese Spritzmittel fehlen, lässt sich da sicher leicht Abhilfe schaffen.

Der Bayer-Aktie kann all das nur gut tun. Hatte das Unternehmen in den vergangenen turbulenten Wochen rund ein Viertel an Wert verloren, macht der Kurs jetzt wieder schüchterne Aufwärtsbewegungen. Auch die Chemieexperten bei den Banken beurteilen positiv, was aus den Verhandlungssälen dringt: Ein Preis von insgesamt 7,5 Milliarden Euro sei zwar "teuer, aber nicht überteuert", meint Martin Rödiger von der DG-Bank. Ähnlich urteilt Oliver Kämmerer, Analyst bei Julius Bär in Frankfurt: Sollten sich die Verhandlungspartner tatsächlich auf diese Summe einigen, schneide Bayer sogar etwas günstiger ab als Wettbewerber BASF, der schon in der Boom-Phase vor zwei Jahren ein Agro-Unternehmen kaufte. "Da hat Schneider wohl besser verhandelt", lobt er.

Alles Bayer, oder was?

Zufrieden ist die Finanzwelt mit dem Bayer-Management trotzdem nicht. Die Konglomeratstruktur des Leverkusener Unternehmens ist Anlegern und Analysten seit langem ein Dorn im Auge. Schmerztabletten, Flohpulver, Vanillinaroma und Autofenster - es gibt nichts, was es unter dem Bayer-Kreuz nicht gibt.