Helmut Schmidt, 82, war von 1974 bis 1982 Bundeskanzler. Seit 1983 ist er einer der Herausgeber der ZEIT.

Ich habe in meiner Schulzeit manches gelernt, was mir mein Leben lang gute Dienste erwiesen hat. Die vier Grundschuljahre von 1925 bis 1929 haben mich kaum beeinflusst. Aber die Lichtwarkschule hat mich schon geformt. Sie nannte sich "Deutsche Oberschule" und trug den Namen Alfred Lichtwarks, der Ende des 19. Jahrhunderts die Hamburger Kunsthalle geleitet hatte. Sein Name war Programm, denn die musischen Fächer, Musikerziehung und Kunsterziehung, wurden ganz groß geschrieben.

Dabei ging es weniger um Theorie als darum, zu singen und zu musizieren, Theater zu spielen und zu malen oder zu zeichnen. Die Schule hatte zwei Orchester, ein oder zwei Chöre. Mein Interesse für die Musik und für die bildende Kunst hat in der Lichtwarkschule einen entscheidenden Anstoß bekommen. Von den Naturwissenschaften lässt sich das nicht sagen, denn sie wurden dort eher vernachlässigt. Das gilt leider auch für die Fremdsprachen; so habe ich nur Englisch und ein wenig Latein gelernt.

Die wahrscheinlich wichtigste Mitgift der Lichtwarkschule war aber die Selbstständigkeit, zu der sie erzog. Wir lernten, was damals an deutschen Schulen sicher nicht die Regel war: kritisch und selbstständig zu denken. Dazu dienten besonders die so genannten Jahresarbeiten. Jeder Schüler und jede Schülerin (die Schule war koedukativ, auch eine Seltenheit im damaligen Deutschland, mir selber hat dies die Chance gegeben, meine spätere Frau Loki kennen zu lernen, denn wir gingen in eine Klasse) musste sie schreiben. So habe ich als Tertianer, also mit 13 Jahren, eine Arbeit über die Weser-Renaissance verfasst. Ein oder zwei Jahre später war die Konkurrenz zwischen den Häfen Rotterdam, Antwerpen, Bremen und Hamburg mein Thema. Ganz andere Anforderungen stellte dann wiederum eine spätere Jahresarbeit, für die ich zwanzig Kirchenlieder in vierstimmigen Choralsatz setzen musste. All diese Themen wurden nicht oktroyiert, sondern gemeinsam mit den Lehrern festgelegt und sodann selbstständig bearbeitet.

Wir haben immer miteinander debattiert, der Unterricht glich oft Diskutierrunden. Auch diese freie Aussprache war den Nazis natürlich ein Dorn im Auge. Sie haben die Lichtwarkschule 1937 aufgelöst; zugleich mussten wir vorzeitig Abitur machen. Im Herbst des Jahres war ich bereits Soldat. Nach einem Einsatz an der Ostfront diente ich in einem nachgeordneten Stab des Oberkommandos der Luftwaffe, der für die Überprüfung und Einführung neuer Flak-Waffen zuständig war, und hatte erneut das Glück, etwas zu lernen, was mir später von Nutzen war. Meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, Ausbildungs- und Schießvorschriften für neue Maschinenwaffen zu verfassen. Das musste sorgfältig, preußisch vonstatten gehen und war mit viel Schriftverkehr verbunden. Immerhin habe ich dabei erfahren, wie eine Bürokratie funktioniert. Von diesem Wissen konnte ich bei meiner späteren politischen Tätigkeit viel profitieren.

Wichtige Erkenntnisse ganz anderer Art habe ich in britischer Gefangenschaft gewonnen. Wir kampierten auf belgischem Boden, unter freiem Himmel, hatten nichts zu essen und sahen einer ungewissen Zukunft entgegen. Um keine Verzagtheit aufkommen zu lassen und die bleiernen Tage zu nutzen, haben wir - wie das in vielen deutschen Gefangenenlagern geschah - eine Art Lehrbetrieb aufgemacht. Mehrere von uns hielten Vorträge; ich redete über eine Sitzung des berüchtigten Volksgerichtshofes, zu der ich als Zuschauer abkommandiert worden war.

Von denen, die vortrugen, beeindruckte mich ein Mann besonders, der etwa 20 Jahre älter war als ich, ein Oberstleutnant der Reserve, hoch dekoriert, Ritterkreuz, wahrscheinlich sogar mit Eichenlaub. Vor dem Krieg hatte Hans Bohnenkamp als Professor Pädagogik gelehrt. Jetzt analysierte er für uns junge Zuhörer aus einer christlichen und sozialen Grundhaltung heraus, was in den vergangenen Jahren an Furchtbarem geschehen war, und sprach darüber, wie sich Deutschland verändern müsse. Bohnenkamp hat mir beigebracht, was Demokratie und Rechtsstaat bedeuten. Unter seinem Einfluss bin ich im Gefangenenlager zum Sozialdemokraten geworden.