Engels: Die USA, die politische Elite und die Menschen, sie stehen weiterhin unter Schock nach der Anschlagswelle. Das Entsetzen und die Angst hat auch Europa erfasst. Solidaritätsbekundungen von allen Seiten erreichen Washington. Vor eineinhalb Stunden hatten wir Gelegenheit, mit Bundespräsident Johannes Rau zu sprechen. Er hat seine Skandinavien-Reise abgebrochen und befindet sich derzeit auf dem Rückflug nach Berlin. Ich habe ihn zuerst gefragt, mit welchen Eindrücken und Gefühlen er den heutigen Tag beginnt?

Rau: Die Situation ist so schrecklich, dass man glaube ich zugeben muss: man ist ratlos und man ist hilflos. Aus der Ratlosigkeit und aus der Hilflosigkeit über das, was in Amerika geschehen ist, wächst für mich als erstes, außer der Mittrauer mit jedem, der dort ein Leidtragender geworden ist, dass wir jetzt bereit sind zu helfen. Wir als Deutsche, aber vor allen Dingen Berlin hat den Vereinigten Staaten so viel zu verdanken. Viele von uns haben überlebt, weil es amerikanische Hilfe gab. So müssen wir jetzt zuerst fragen: wo können wir helfen. Das mag der Tropfen auf den heißen Stein sein, aber jetzt darf man nicht untätig bleiben.

Engels: Welche Hilfsmaßnahmen schweben Ihnen vor? Wie sieht beispielsweise Ihr geändertes Tagesprogramm aus?

Rau: Ich werde heute mit dem Bundeskanzler zusammentreffen, der mir berichten wird über das, was im Bundessicherheitsrat und in den Gremien geschehen ist. Ich habe mich gestern schon an den amerikanischen Präsidenten gewandt. Ich denke, man sollte jetzt die agieren lassen, die dort zu tun haben, aber ich bin überzeugt davon: die Zivilgesellschaft ist aufgerufen mitzuhelfen. Was geschieht mit den Opfern, wo gibt es unversorgte Menschen, wo können wir jetzt bei den nötigen Aufräumungsarbeiten helfen. Der Bundeskanzler hat in seiner ersten Stellungnahme von der Solidarität gesprochen, und die ist jetzt herausgefordert, übrigens weltweit. Das kann nicht dabei bleiben, dass wir nur dem Terror absagen - das muss ohnehin und weiterhin geschehen -, sondern wir müssen jetzt auch den Opfern des Terrors nahe zu sein versuchen!

Engels: Den Opfern des Terrors nahe zu sein. Sie fürchten die Folgen für die Zivilgesellschaft. Wird diese Anschlagserie möglicherweise den offenen Umgang der Menschen in den USA, aber auch in Europa verändern?

Rau: Ich fürchte, dass es viele Anfechtungen in dieser Richtung geben wird, aber wir werden sehr schnell lernen müssen. Der Alltag kann nicht geschützt werden und ein total geschützter Alltag ist kein freies Leben mehr. Wir wissen ja: die Amerikaner haben das sicherste Land der Welt. Selbst das sicherste Land der Welt war gegen eine so teuflische und bösartige Attacke offenbar nicht zu wappnen. Wie sollte man das auch mit menschlichen Mitteln können. Darum glaube ich, wir müssen Hass abbauen, wir müssen Gewalt abbauen. Wir müssen Gewalt echten, wie ich es immer versucht habe deutlich zu machen. Wir werden sicher auch in Berlin und in den deutschen Städten darüber reden, wie wir dazu Beiträge liefern können.

Engels: Welche sicherheitspolitischen Folgen fürchten Sie aus diesen Anschlagsserien?