Die Welt rückt immer näher zusammen, ihre Teile sind heute enger miteinander verbunden denn je. Das hat alten Missverhältnissen neue Bedeutung gegeben. Und es hat neue Asymmetrien überhaupt erst geschaffen. Das Elend der Südhalbkugel betrifft inzwischen auch die reichen Staaten des Nordens. Heute können wir es uns schlicht nicht mehr leisten, dem Süden wie bisher den Rücken zuzukehren. Es mag uns manchmal schwer fallen, seine Probleme aus humanitären Gründen ernst zu nehmen. Aber wo es uns an Altruismus mangelt, da müsste zumindest handfestes Eigeninteresse unser Engagement begründen.

Die Globalisierung hat nicht bloß den weltweiten Verkehr des Kapitals, der Güter und Geschäftsleute erleichtert. Sie hat auch zahllose andere Verwicklungen gebracht. Steigende Verschuldung und wachsende Arbeitslosigkeit, dazu der Niedergang traditioneller Wirtschaftssektoren haben die Branche der illegalen Menschenschleuserei aufblühen lassen, die Ströme von Menschen in die reichen Länder lenkt. Die Seuchen und Plagen des Südens, in den reichen Staaten fast vergessen, kehren in den Norden zurück: In den Vereinigten Staaten gibt es heute wieder Tuberkulose, in Großbritannien ist Typhus aufgetreten. Moskitos vom Nil drohen die Hirnhautentzündung in den Norden zu tragen, alle möglichen anderen Krankheiten breiten sich aus.

Die Regierungen des Südens werden immer ärmer, immer stärker hängen sie von dem Geld ab, das in den Norden Ausgewanderte in ihre Heimatländer überweisen. Und immer geringer ist genau deshalb ihr Interesse daran, die Probleme der Emigration und der illegalen Schleuserei in den Griff zu bekommen. Gezwungen, im globalen Wettbewerb mitzuhalten, streichen die Regierungen der armen Länder die Budgets der Gesundheits-, Bildungs- und Sozialpolitik zusammen - was ihre Gesellschaften in der Entwicklung nur noch weiter zurückwirft und wiederum neue Gründe für Auswanderung und Menschenschleuserei schafft. Vieles hängt hier mit vielem zusammen, und die Wechselwirkungen werden immer komplizierter.

Nach einem Jahrzehnt der Marktgläubigkeit wachsen die Zweifel, ob der Markt tatsächlich imstande ist, immer mehr Sphären der Gesellschaft zu regeln. Wir erkennen, dass Märkte eben doch nicht für jedes Problem eine Lösung parat haben. Es zeigt sich, dass die Regierungen in Zukunft wieder mehr regieren müssen. Aber das darf andererseits nicht die Rückkehr zu alten Handlungsmustern bedeuten. Die Staaten der Welt können sich heute nicht mehr einfach mit Schutzwällen umgeben. Benötigt werden vielmehr wirklicher Multilateralismus und echter Internationalismus. Wir brauchen einige radikale Innovationen und neue Formen der Zusammenarbeit des Staates mit der Zivilgesellschaft und mit supranationalen Institutionen.

Zwei besonders ernste Herausforderungen sind die Schuldenfalle und die Migration. Anhand dieser Beispiele lässt sich das schiere Ausmaß der Misere demonstrieren. Sie zeigen zugleich, dass es - aller immer engeren Vernetzung der Welt zum Trotz - nicht neuer übergreifender Großinstitutionen bedarf, um die bestehenden Probleme zu lösen.

Das Schuldenproblem ist viel dramatischer, als die meisten Menschen auf der Nordhalbkugel wahrhaben wollen. Stets gilt alle Aufmerksamkeit allein der Höhe der Schulden, die tatsächlich nur einen winzigen Bruchteil des globalen Kapitalmarktes ausmachen. Es gibt aber ganz pragmatische Gründe, weshalb man in den reichen Länder besorgt sein sollte. Weil es hier nicht bloß um irgendwelche verschuldeten Unternehmen geht, sondern um Staaten und Gesellschaften, betrifft das Problem die reichen Länder durch seine indirekten Folgen: illegale Migration, Drogen- und Waffenhandel, die Rückkehr der Seuchen und die weitere Zerstörung ohnehin bereits höchst fragiler Ökosysteme. Darüber hinaus schnappt die Schuldenfalle bei immer mehr Staaten zu. Selbst Länder mittleren Wohlstands sind inzwischen betroffen. Heute gelten etwa 50 Staaten als überschuldet. Sie sind längst nicht mehr imstande, aus eigener Kraft Schritte zu unternehmen, die ihre Situation verbessern könnten. In diesen Ländern geht es heute nicht mehr um Schuldentilgung. Sie können nur dann wieder auf die Beine kommen, wenn völlig neue strukturelle Bedingungen geschaffen werden. Das geht nicht ohne grundlegende Neuerungen.

Regelmäßig fällt Menschen das Eingeständnis schwer, dass Maßnahmen einfach nicht funktionieren, die mit enormer institutioneller und finanzieller Mühe auf den Weg gebracht wurden. Aber wir wissen heute, dass die bisher eingeleiteten Schritte zur Behebung der Schuldenkrise auf der Südhalbkugel das Problem nicht beheben werden. Selbst vollständige Entschuldung würde die betroffenen Länder nicht auf einen erfolgreichen Entwicklungspfad setzen. Denn das Dilemma, das den Schulden zugrunde liegt, wäre damit nicht gelöst. Wir haben es mit einer strukturell neuen Lage zu tun, die ihre Ursache in einer Kombination von Faktoren hat. Zu ihnen gehören die dramatischen Veränderungen des weltweiten Kapitalmarktes und die so genannte Liberalisierung, die mit der Globalisierung einhergeht.