Alljährlich locken in Brüssel 30 Milliarden Euro. Dafür kann man - rein theoretisch - 2785 Kilometer sechsspurige Autobahnen bauen, samt Seitenstreifen. Oder 3000 Kilometer Schienenstrang für Hochgeschwindigkeitszüge verlegen. 30 000 Millionen Euro, das ist ein größerer Batzen Geld als all die Dollarkredite, die jedes Jahr von der Weltbank im Kampf gegen die globale Armut den Entwicklungsländern geliehen werden.

30 Milliarden Euro schüttet die Europäische Union über ihren rückständigen Regionen aus, als Subventionen oder "verlorene Zuschüsse". Keine Darlehen also, sondern gleichsam Geschenke. Von Brüssel verplant und "verbraten" (so einst Gerhard Schröder) für Brücken und Kläranlagen, für Altstadtsanierung oder neue Schulcomputer. 30 000 000 000 Euro - ohne Zins und Tilgung, alle Jahre wieder.

Darum lohnt es zu streiten. Zwar sind die EU-Milliarden bis zum Jahr 2006 fest vergeben; jedes Land weiß, was es kriegt aus Brüssel - oder was es wie Dänemark oder Deutschland draufzahlen muss für den "wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt der Europäischen Union". Doch weckt der hohe Einsatz schon jetzt Begehrlichkeiten für die Zeit nach dem Tag X: Am 1. Januar 2007 beginnt eine neue Ära, eurokratisch "Finanzielle Vorausschau" genannt. In der bis dahin erweiterten Union werden sich neben den 15 jetzigen EU-Regierungen wahrscheinlich noch zehn neue Mitglieder um die Fördermittel balgen. Schon melden Spanier wie Polen, Griechen wie Letten ihre Ansprüche an. "Das wird die Mutter aller Finanzschlachten", orakelt ein erfahrener Diplomat, "härter und teurer denn je."

Auch Europas Nettozahler heben erste Schützengräben aus. Wie Verteidigungslinien entwerfen die Finanzminister in Berlin, Den Haag oder Stockholm ihre Strategien zum Sparen. "Es kann nicht so bleiben wie bisher", verkündete Hans Eichel kürzlich. Den Osten zu alimentieren, ohne im Süden zu knapsen - "das wäre so unbezahlbar wie unvernünftig". Noch sprechen Eichels Beamte nur vage von einer "Konzentration knapper Mittel". In Brüssel wie in etlichen Landstrichen, die bislang von EU-Hilfen profitieren, läuten gleichwohl die Alarmglocken.

"Europas Strukturpolitik droht die Seinsfrage." Das sagt kein namenloser Eurokrat, sondern ein Staatssekretär: Werner Ballhausen, Europa-Bevollmächtigter des Landes Sachsen-Anhalt, wettert gegen Sparmodelle, wie sie etwa der holländischen und schwedischen Regierung vorschweben. Die möchten radikal die Strukturfonds halbieren - und dazu all jenen Regionen die Mittel streichen, die zwar relativ arm sind, aber in einem reichen Mitgliedsland liegen. Das zentrale Argument: Europas Nettozahler wüssten sich schon selbst zu helfen, statt erst (lästig hohe) EU-Beiträge nach Brüssel überweisen zu müssen und hernach auf den Brüsseler Hilfesegen (samt Auflagen) für ihre Problemprovinzen zu warten. "Mickymaus-Geld" nennt Den Haags Finanzminister Gerrit Zalm "diese Milliarden im Transfer-Kreislauf".

Gefahr für Ostdeutschland

Politiker aus reichen Regionen, wie der Bayer Edmund Stoiber oder NRW-Chef Wolfgang Clement, klatschen beifällig. Zalms Kollege Hans Eichel hingegen zögert, auf diesen harten Kurs einzuschwenken. Schließlich würde eine Nettowende à la hollandaise nicht nur Süditalien, Wales oder dem Burgenland den Geldhahn zudrehen - insbesondere Ostdeutschland würde verlieren. Auf immerhin 19,2 Milliarden Euro von 2000 bis 2006 baut man zwischen Ostsee und Lausitz für Hunderte von Projekten, die das Blechschild mit goldenem Sternenkranz auf blauem Grund ziert (siehe Tabelle).