Polen taumelt auf einen finanziellen Kollaps zu. Im Haushalt des größten EU-Kandidaten klafft für das kommende Jahr ein Loch von mehr als 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Regierung hat ihre Wachstumserwartungen auf nur 1,7 Prozent korrigieren müssen. Wenn es nicht gelingt, das Steuer herumzureißen, werden bereits geplante Einnahmen von 88 Milliarden Z¬oty (47 Milliarden Mark) ausbleiben. Die Arbeitslosigkeit droht von 16 auf 25 Prozent anzusteigen. Diese Entwicklung kommt nicht überraschend, da die konservative Regierung Buzek seit Monaten in Agonie liegt.

Das Wahlbündnis AWS war 1997 als Sammelbecken nationalklerikaler und syndikalistischer Gruppierungen angetreten, die sich auf das moralische Erbe der einst heroischen Gewerkschaft SolidarnoŽc beriefen. Das Bündnis erschöpfte sich jedoch in endlosen Streitereien, Postenschacher und Korruption, wobei zuletzt jede finanzielle Disziplin verloren ging. Weil das AWS bei den Parlamentswahlen am 23. September eine verheerende Schlappe droht, haben Kabinettsmitglieder und Koalitionsgruppen das sinkende Schiff bereits verlassen. Die Rettung des zerrütteten Haushalts durch Steuererhöhungen und drastische Kürzungen der Sozialausgaben wird damit ausgerechnet den Postkommunisten überlassen bleiben, deren Wahlsieg feststeht.

Die Krise zeigt über das Riesendefizit hinaus Polens Selbsttäuschung auf. Politiker und Intellektuelle, die Gewinner der Wende, haben in den Großstädten einträglich privatisiert und damit für Polen das Etikett "Musterland der Transformation" (Deutsche Bank Research) eingeheimst. Die Provinzen aber sind seit der Wende 1989 immer tiefer in Armut versunken. Das gilt besonders für den Ostteil des Landes.