Oswald Metzger hat den Regelverstoß genau kalkuliert. Bevor sich der grüne Bundestagsabgeordnete mit den anderen Haushaltspolitikern der Koalition zur Klausur fernab von Berlin trifft, bittet er anderthalb Dutzend Journalisten zum Gespräch. Seine Botschaft, zur Veröffentlichung bestimmt: Trotz schwacher Konjunktur soll im Bundeshaushalt 2002 mehr gespart und die Neuverschuldung stärker gesenkt werden, als es Finanzminister Hans Eichel plant.

Und dann setzt der Grüne noch einen drauf. Er nennt Etatposten wie die Zinsausgaben, Beamtenpensionen oder Umsatzsteuereinnahmen, in denen der Finanzminister Reservepolster versteckt hat. Eine Todsünde Metzgers! Denn der Haushaltsausschuss des Bundestages betreibt den Umgang mit dem kiloschweren Zahlenwerk fast wie eine Geheimwissenschaft, um dann nach Abschluss der Beratungen mit eigenen Sparerfolgen glänzen zu können.

Der "haushaltspolitische Schnellschuss" des Grünen sei "kein guter Stil", empörte sich der stellvertretende SPD-Fraktionschef Joachim Poß. Schon vor der Klausurtagung, auf der die Koalitionäre die Etatdebatte des Bundestags in der kommenden Woche vorbereiteten, eine Zielmarke für die angestrebte Nettokreditaufnahme zu geben, sei "nicht statthaft und sehr voreilig", tadelte der Sozialdemokrat. Auch Hans Eichel war von Metzgers "Luftnummer" - so ein Vertrauter des Ministers - wenig erbaut.

Solche kalkulierten Konflikte haben bei Metzger Methode. "Wenn wir als kleiner Partner wahrgenommen werden wollen, geht das nur über ein öffentliches Profil", argumentiert der Haushaltssprecher der Grünen. "Wir können nicht abwarten, bis Hans Eichel verkündet: Am Sparkurs wird nicht gerüttelt." Doch es geht ihm nicht nur um einen Werbegag für die Grünen, er will damit auch die SPD treiben, auf dem Pfad der Tugend zu bleiben - und der heißt für Metzger Sparen, Sparen und nochmals Sparen. "Ich schlage nur Krach", nimmt er für sich in Anspruch, "wenn es einen Anlass dafür gibt." Zum Beispiel weil Sozialdemokraten wackeln und über Konjunkturprogramme oder - wie schon mehrfach - über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer nachdenken.

Auch wenn sich Eichel über den ehrgeizigen Grünen ärgert, in der Koalition ist Metzger für den Sparkurs des Finanzministers eine wichtige Stütze. Und Metzgers Wort, der Haushalt müsse von der Ausgabenseite und nicht von der Einnahmenseite her saniert werden, klingt nach O-Ton Eichel. Der Minister, sagt Metzger, "weiß genau, dass er sich auf mich verlassen kann". Bescheidenheit zählt nicht zu den herausragenden Eigenschaften des Grünen-Politikers. "Mit meinen Möglichkeiten traue ich mir schon zu, Dinge mit zu lenken."

Sparen ist für den überzeugten Marktwirtschaftler, der auf seiner Abgeordneten-Website auch die Mitgliedschaft in der Ludwig-Erhard-Stiftung angibt, kein Selbstzweck. Schon als Oppositioneller forderte er eine nachhaltige Finanzpolitik, die künftige Generationen nicht belastet. Er propagiert die Maxime, dass "nur verteilt werden kann, was wir erwirtschaften", verlangt den "Rückzug des Staates", wendet sich gegen "unangenehme Klassenkampfrhetorik" und klagt darüber, dass das Wort neoliberal zum "Totschlagsargument" geworden sei; damit werde alles erledigt, "was im besten Sinne liberal ist, nämlich alle freiheitlich orientierten Denkansätze".

Überraschende Worte für einen, der als junger linker Sozialdemokrat begann. Oswald Metzger wuchs in kleinen Verhältnissen im Oberschwäbischen auf. Das Stipendium für das katholische Gymnasium verlor er, als er in einem Leserbrief für die Fristenlösung bei der Abtreibung eintrat. Sein - nicht abgeschlossenes - Jurastudium finanzierte er als Inhaber eines Schreibbüros. In dieser Zeit, sagt er heute, hat er "die Mentalität von Selbstständigen kennen gelernt: Wenn man arbeitet, kommt was rein; wenn man Urlaub macht oder krank ist, kommt nichts rein." Aus der SPD trat er aus, weil die Regierung Helmut Schmidt bei der Bekämpfung der RAF-Terroristen die Bürgerrechte seiner Ansicht nach zu stark einschränkte.