Marilyn Monroe ist immer da. Wenn sich für Stephen Hawking die Bürotür öffnet, empfängt sie ihn im weißen Nerz, mit halb offenem Mund, verheißungsvoll lächelnd. Unmöglich, diesem Blick auszuweichen - das überlebensgroße Porträtfoto direkt gegenüber der Tür springt jedem ins Gesicht. Man könnte den Marilyn-Kult des 58-jährigen Physikers als postpubertäre Schwärmerei abtun. Doch tatsächlich verbindet beide eine tiefe Gemeinsamkeit: Der gelähmte Kosmologe und die amerikanische Sexbombe sind schon zu Lebzeiten zu Ikonen avanciert, zur Verkörperung von Idealbildern, die weltweit Millionen Menschen faszinieren. Und bei beiden klaffen öffentliche Wahrnehmung und Realität stark auseinander.

Wenn Stephen Hawking etwa - wie Anfang des Jahres auf einer Konferenz in Bombay - die wenig originelle Prognose abgibt, mittels Gentechnik werde man künftig versuchen, intelligentere "neue Menschen zu erschaffen", dann wird das in aller Welt mit Ehrfurcht rapportiert. Wenn er das wiederholt - wie diese Woche in einem Interview mit Focus -, ist das prompt erneut eine Meldung wert. Dass Hawking von Gentechnik so viel versteht wie jeder durchschnittlich gebildete Zeitungsleser, spielt dabei keine Rolle. Schließlich gilt der Astrophysiker als Supergenie, dem manche gar "die Formel Gottes" (Focus) zutrauen. Bei so viel Nähe zum Allmächtigen wird jedes Wort des Denkers aus dem britischen Cambridge zur Offenbarung.

Stephen Hawking, dessen neues Buch kommende Woche erscheint, ist der bekannteste Physiker, wenn nicht gar der berühmteste lebende Forscher. Wer kann sich schon rühmen, er habe "mehr Bücher über Physik verkauft als Madonna über Sex"? Wer wurde zu Lebzeiten in Raumschiff Enterprise und der Trickserie The Simpsons verewigt? Und wen wählten die Verleger von Hutchinsons Lexikon wissenschaftlicher Biografien, um 1300 Wissenschaftler auf dem Cover zu repräsentieren? Nicht Einstein, Darwin oder Newton. Hawking.

Dabei ist der Brite dem Publikum kaum durch wissenschaftliche Leistungen bekannt. Während Einstein die Relativitätstheorie entwarf, für seine Deutung der Lichtquanten den Nobelpreis erhielt und mit der Formel E = mc2 das Fundament des Atomzeitalters legte, wurde Hawking in erster Linie populär durch sein Buch Eine kurze Geschichte der Zeit - und durch seine unheilbare Krankheit. So zynisch es klingt: Litte er nicht seit über 30 Jahren an Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer Nervenerkrankung, die ihm nach und nach die Kontrolle über seine Muskeln und 1985 auch die Stimme geraubt hat, seine abstrakten mathematischen Theorien hätten kaum großes Interesse erregt. Doch der zur Unbeweglichkeit verdammte Kosmologe, der vom Rollstuhl aus das Universum ergründet, eignet sich wie kein anderer Forscher zur mystischen Verklärung als einsamer Denkriese, der über alle irdischen Widrigkeiten triumphiert und nach den Sternen greift.

Mit entsprechendem Pomp wird daher sein neues Buch Das Universum in der Nußschale angekündigt. Alle, "die wissen wollen, was unsere Welt bewegt", müssten das Werk lesen, behauptet der Verlag Hoffmann und Campe, der die Buchhandlungen bereits mit Hawking-Plakaten, -Lesepulten und -Deckenhängern bombardiert. Es gilt, an den größten Sachbucherfolg aller Zeiten anzuknüpfen. Rund 10 Millionen Mal wurde die Kurze Geschichte der Zeit verkauft; jeder 750. Erdenbürger hat angeblich ein Exemplar erworben. Wirklich gelesen, geschweige denn verstanden, haben es wohl die wenigsten, weshalb Spötter Hawkings Zeit-Geschichte auch als das "meistverkaufte ungelesene Buch seit der Bibel" bezeichnen.

Gut möglich, dass das neue Werk an diese Tradition anknüpft. Auch diesmal geht es um die Mysterien der Relativitätstheorie, um Schwarze Löcher, Zeitreisen und die Suche nach der Weltformel. Bahnbrechende Neuigkeiten hat Hawking dabei nicht zu bieten. Er liefert eher einen Abriss der Kosmologie und ihrer Probleme, angereichert mit einigen Spekulationen aus seiner Theoriekiste. Ähnliche Bücher gibt es zuhauf, doch beim "neuen Hawking" ist der Autor allemal wichtiger als der Inhalt.

Dabei wird in den Sphären der mathematischen Theorie, in denen Hawking vorwiegend schwebt, selbst gestandenen Physikern die Luft knapp. Konferenzen wie das von Hawking mitorganisierte Treffen zur "M-Theorie Kosmologie" vergangene Woche in Cambridge erregen außerhalb des kleinen Zirkels der Relativitätstheoretiker kaum Interesse.