Man glaubt sich am Set einer Science-Fiction- oder Fantasy-Film-Produktion. Die Mobilmutanten sind unter uns. Sie sind Ergebnisse von Züchtungen, Kreuzungen, Experimenten - was das CAD-Programm hergibt. Und was den Autodesignern Spaß macht, die ihre Arbeit "Cross-over-Design" nennen.

Cross-over-Design ist die Mischung verschiedener Stilrichtungen und Gebrauchsarten zu neuen "Multi-Options-Gefährten", die ihren Insassen alles gestatten, was man mit und in einem Auto tun kann: Ausflüge ins Gelände, korrekte Auftritte vor 5-Sterne-Hotels, Büroarbeit im Stau und Dolby-Surround-Fernsehen. Nur eins wird mit dieser neuen Fahrzeugkategorie schwierig: einfach nur von A nach B zu fahren.

Im Vordergrund stehen die Lust auf Abwechslung und der Spaß an Individualität. Die Exponate auf Automobilmessen wie der Auto-Show in Detroit, dem Genfer Autosalon oder der Frankfurter IAA erinnern heute teilweise an eine "Leistungsshow von Hundezüchtern", wie Claus Potthoff meint, Leiter Exterior Design bei Audi. An jedem Stand ein Dernier Cri. Und oft seien es gerade die "Promenadenmischungen, die Sympathie und Charakter ausstrahlen".

Evolution als Designerschule

Hintergrund für den Schritt zum Cross-over-Design sind die zunehmende Freizeit und Mobilität der Menschen sowie die Tatsache, dass sie ihr Auto immer mehr zum Ausdruck ihres persönlichen Lebensstils machen. Cross-over-Design bezeichnet dabei keine eigene Stilrichtung, sondern eher eine Technik der Ideenfindung im Gestaltungsprozess neuer Automobilkonzepte.

Untersucht man die Genealogie des Cross-over-Designs, fühlt man sich an die Evolution erinnert: So wie die Amphibien langsam vom Wasser aufs Land gekrochen sind, kamen die Off-Roader vom Land in die Stadt, aus dem Matsch auf den Asphalt, aus der Wildnis (oder vom Kasernenhof) in die Zivilisation. Einfach und funktional ausgestattet - zur Fortbewegung in ihrer natürlichen Umgebung reichte das vollkommen -, waren sie nicht wirklich stadttauglich. Militärjeeps oder Land Rover und schließlich der kultiviertere Range Rover sind die eigentlichen Vorboten der heutigen Artenvielfalt. Das enorme Raumangebot, die erhöhte Sitzposition sowie die Fahrtauglichkeit in unwegsamem Gelände waren die Merkmale, die sich in der Evolution der Off-Roader durchsetzten und gattungsbestimmend wurden für die Generation der komfortablen Großraumfahrzeuge. Eines der ersten Exemplare dieser Multi-Purpose-Vehicles (MPV) in Europa war der Renault Espace. Von der Branche zunächst belächelt, war er lange Zeit der Einzige seiner Art. Aber er wurde erfolgreich, obwohl er rein ästhetisch - aus heutiger Perspektive - eher plump und unproportioniert wirkte. Man fuhr ihn mit drei Kindern, Hund und allen denkbaren Sportgeräten, die man in einem Familien-Aktivurlaub so brauchen konnte - ähnlich wie Camping, nur nicht so spießig.

Das eigentliche Cross-over-Design begann erst in der darauffolgenden Generation. Wer das MPV für einen beschönigten Familienkombi hielt, für den gab es in der nächsten Entwicklungsstufe die sportlicher gestalteten Sports-Utility-Vehicle (SUV). Mit ähnlichem Raumangebot, jedoch weit dynamischer in der Form und stärker motorisiert, ließ der SUV seinen Fahrer jünger und leistungsorientierter wirken. Mit dem SUV konnte man getrost ins Büro fahren, ohne sich schadenfrohe Kommentare zum "mobilen Kinderzimmer" anhören zu müssen.