Rosstäuscherei hat Tradition. Bevor sie ihren Gebrauchtwagen zum Kauf anboten, stellten sich noch in den achtziger Jahren selbst unbescholtene Familienväter eine Nacht lang in die Garage, lösten die Tachowelle vom Getriebe, klemmten sie an eine Bohrmaschine und machten Krach. Und wenn der Morgen graute, war der Käfer 30 000 Kilometer jünger und 3000 Mark mehr wert. Harte Arbeit, aber für einen ansehnlichen Stundenlohn.

Heute macht auch in diesem Bereich Elektronik das Leben leichter. Ein Laptop, der passende Adapter, der richtige Code - und binnen Minuten zeigt der Tacho den Wunschkilometerstand. Das Fachwissen für die Tachomanipulation beherrscht heutzutage ein Heer von Dienstleistern, die man im Internet, in Automagazinen und Anzeigenblättern findet. "Kilometer runter? Kilometer rauf? Tachojustierung im ganzen Bundesgebiet - Termin innerhalb von 24 Stunden - Sofort-Service - alle Marken - alle Modelle - schnell, diskret, kompetent", so tönen die pfiffigen Start-ups.

Die Tachoanpassung kostet in der Regel zwischen 200 und 500 Mark, der Servicemann kommt auf Wunsch auch zum Kunden ins Haus. In Automobilclubs und bei der Polizei geistert eine schwer überprüfbare Zahl herum: zehn Prozent! Jeder zehnte zum Verkauf stehende Gebrauchtwagen soll mehr gelaufen sein, als der Kilometerzähler weismacht.

Geschäftsgrundlage all dieser Serviceunternehmen mit den treuherzigen Namen "Tachoservice" oder "Tachoeicher" ist der Paragraf 57 der Straßenverkehrszulassungsordnung, der im Pkw die Existenz eines Tachos gestattet, aber nicht vorschreibt. Wer am Tacho fummelt, tut folglich nichts Böses. Nur wer wissentlich ein derart frisiertes Fahrzeug verkauft, ist ein Betrüger. Um ganz sicher zu gehen, weisen fast alle Kilometerkiller darauf hin, dass ihre Programmierdienste "ausschließlich für legale Reparaturzwecke bestimmt sind". Also für den durchaus schon einmal eingetretenen Fall, dass das elektronische Zählwerk ausfiel und deshalb Kilometer unterschlug.

Wer sich - andererseits - ein Gebrauchtauto zulegen möchte, tut ebenfalls gut daran, sich bei den Tachotricksern zu informieren. Die legen nämlich ihren Kunden nahe ("Keine Anleitung für Manipulation! Nur allgemeine Information!"), auf verräterische Details zu achten: Ölwechselzettel im Motorraum! Kilometerangaben im Serviceheft! Der TÜV-Bericht! Ärger scheinen allerdings auch neue BMW-Modelle zu machen: Die haben "einen weiteren Speicher im Lichtmodul!" Den BMW muss man leider so lange fahren, bis der manipulierte Kilometerstand den abgespeicherten Originalstand wieder erreicht hat.

Hacker knacken jeden Code

O nein, die Automobilindustrie und insbesondere die Zulieferer, die Tachos bauen, schlafen nicht. Natürlich ist es peinlich, wenn bei einem Mercedes mit angeblich 120 000 Kilometern auf der Uhr das Kühlwasser aus dem Auspuff spritzt. Wüsste der Besitzer, dass das Auto in Wahrheit 250 000 Kilometer alt ist, hätte er vielleicht Verständnis für die Panne. Und so spielen Entwickler und Computerhacker seit Einführung des elektronischen Tachos das bekannte Spiel: Die einen denken sich immer verzwicktere Verstecke und Codes aus, die anderen hacken hinterher. Wie bei der Wegfahrsperre. Wie beim Pay-TV-Decoder. "Durch ständig weiterentwickelte Software-Verriegelungen werden die Möglichkeiten der Manipulation erheblich erschwert", teilt etwa Tachobauer VDO mit, Marktführer in Deutschland. "Manipulation von Wegstreckenzählern wird in Zukunft immer mehr auszuschließen sein."